Wer vom Pilgern spricht, denkt meist zuerst an den einen berühmten Jakobsweg. Dabei muss man Deutschland gar nicht verlassen, um mehrere Tage oder sogar Wochen auf alten Pilgerwegen unterwegs zu sein.
Pilgerwege in Deutschland
Deutschland wird von einem dichten Netz historischer Pilgerwege durchzogen. Allein für die Jakobswege sind 30 Hauptwege dokumentiert – ergänzt durch zahlreiche regionale Zubringer und Varianten. Dazu kommen eigenständige Routen wie die Lutherwege, Elisabethpfade oder der Bonifatiusweg.
Die Ausstattung unterscheidet sich stark: Manche Wege sind durchgehend markiert und besitzen Pilgerführer, Stempelstellen sowie ein dichtes Herbergsnetz. Bei anderen müssen Etappen und Übernachtungen individuell organisiert werden.
Einen vollständigen Pilgerweg muss man nicht auf einmal gehen. Viele Routen lassen sich in Tages-, Wochenend- oder längere Teilstrecken aufteilen und beim nächsten Mal am Ende weitergehen.
Quelle und Übersicht: Deutsche Jakobswege – 30 Hauptwege mit Karten und GPS-Tracks

Bildquelle: https://beate-steger.de/pilgerstab/
Auch die Menschen, die dort unterwegs sind, könnten unterschiedlicher kaum sein. Man begegnet Studierenden mit kleinem Budget, Berufstätigen auf der Suche nach Abstand zum Alltag und Rentnerinnen und Rentnern, die sich endlich Zeit für einen längeren Weg nehmen können. Manche pilgern aus religiösen oder spirituellen Gründen, andere suchen Ruhe, Bewegung oder eine persönliche Herausforderung. Und einige möchten einfach ausprobieren, wie es sich anfühlt, das tägliche Ziel ausschließlich mit den eigenen Füßen zu erreichen.
Dabei entwickelt das Pilgern seine eigenen kleinen Rituale – unabhängig davon, mit welcher Motivation man aufgebrochen ist. Morgens wird der Rucksack gepackt, tagsüber folgt man der Muschel und am Abend sucht man sein Nachtlager. Im Pilgerpass sammeln sich die Stempel von Kirchen, Klöstern und Herbergen. Sie sind nicht nur ein Nachweis der zurückgelegten Strecke, sondern werden schnell zu einem kleinen Bildertagebuch der Reise. Und ja: Auch wer nicht aus Glaubensgründen unterwegs ist, kann sich erstaunlich über einen besonders hübschen Stempel freuen.
Ein weiterer Vorteil sind die Pilgerherbergen. Sie werden häufig von Kirchengemeinden, Klöstern, Vereinen oder Privatpersonen getragen und bieten einfache Schlafplätze zu günstigen Festpreisen oder gegen eine Spende an. Kostenlos sind solche Quartiere längst nicht mehr – und das können sie angesichts der laufenden Kosten auch nicht sein. Dennoch bleibt eine mehrtägige Pilgerwanderung damit meist erschwinglicher als eine klassische Fernwanderung mit Übernachtungen in Hotels oder Berghütten. Wie günstig es am Ende tatsächlich wird, hängt allerdings auch davon ab, ob man unterwegs selbst einkauft und kocht oder regelmäßig einkehrt.
Was kostet Pilgern?
Viele einfache Pilgerherbergen empfehlen eine Spende von etwa 15 bis 20 Euro pro Nacht. Aber auch ein solches Quartier kann, besonders in der Nebensaison, ein gut ausgestattetes Einzelzimmer bedeuten. Häufig gibt es eine Küche, in der man sich sein Abendessen selbst zubereiten kann. Auch stehen dort oft lebensmittel, Kaffee oder Tee bereit, die andere Pilger für die nächsten zurückgelassen haben. Wird Frühstück angeboten, kostet es meist etwa 6 bis 8 Euro. Wer keine besonderen Ansprüche stellt, überwiegend in Pilgerherbergen schläft und sich häufig selbst versorgt, kann durchaus mit einem Tagesbudget von spürbar unter 50 Euro auskommen.
Diesmal ohne Dobby unterwegs
Bei meinem Eintritt in den Ruhestand hatte ich zunächst auch über Fernwander- oder Radwege nachgedacht. Ich verwarf diese Ideen jedoch schnell wieder: Einerseits wollte ich auf meinen Reisen besondere Orte und Ziele entdecken, andererseits stellte sich schnell heraus, dass Fernwandern mit Übernachtungen in Hütten oder Pensionen keineswegs automatisch eine preiswerte Art des Reisens ist.
Während meiner Klosterrunden kam ich mit einer Pilgerin ins Gespräch. Sie erzählte vom Unterwegssein, einfachen Herbergen und den Begegnungen auf dem Weg – und drückte sich stolz einen Stempel in ihren Pilgerpass. Ich fragte mich, wie sich die Wahrnehmung solcher Orte verändert, wenn man sie nicht als Stopp mit dem Auto anfährt, sondern als Wanderer dort ankommt.
Gerade hatte ich zwischen anderen Verpflichtungen und Unternehmungen etwas freie Zeit – warum sie also nicht für eine eigene Pilgerwanderung nutzen?
Die Ausrüstung – weniger ist mehr
Gute Vorbereitung ist das A&O. Nach einigen Recherchen und mit den im Laufe der Zeit gesammelten Reise- und Campingerfahrungen stellte ich mir eine möglichst leichte Ausrüstung zusammen. Mittelalterlicher Weg und moderne Technik schließen einander keineswegs aus. Dem heutigen Pilger stehen neben Funktionskleidung, Schlafsack und leichtem Rucksack auch digitale Hilfsmittel zur Verfügung. Was ich nicht im Bestand hatte, beschaffte ich mir vor dem Start. Meine Ausrüstung stammt größtenteils von Decathlon. Google Maps und vor allem Komoot helfen bei der Orientierung, Wetter-Apps bei der Tagesplanung und über die im Pilgerführer angegebenen Telefonnummern lässt sich unterwegs nach einem freien Schlafplatz fragen.
Als einfache Faustregel gilt: Der gepackte Rucksack sollte möglichst nicht mehr als etwa zehn Prozent des eigenen Körpergewichts wiegen. Das ist nicht viel! Ich nahm also nur das absolut notwendigste mit und mein Rucksack wog letztlich incl. Wasser und Proviant unter 10 Kilogramm – das ist so die Maßgabe für alle Leichtgewichte. Wichtig sind vor allem vernünftige Wandersocken und Schuhe mit ausreichend Platz. Meine Trailrunner fühlten sich bei der Anprobe und auf kürzeren Strecken passend an. Nach mehreren langen Etappen zeigte sich jedoch, dass sie gut eine Nummer zu klein waren. Die Füße schwellen unterwegs deutlich an. Beim nächsten Start werde ich deshalb größere Schuhe wählen. Wasser muss ausreichend mit, Lebensmittel dagegen nur bis zur nächsten sicheren Einkaufsmöglichkeit.
Eine ausführlichere Packliste sowie weitere Hinweise zu Rucksackgewicht, Schuhen und Pilgerausrüstung bietet der Blog Camino de Santiago.
Meine Grundausstattung
- 38-Liter-Trekkingrucksack von Decathlon
- große Gürteltasche
- Leichtschlafsack von Decathlon mit 880 Gramm, Schlafanzug
- bequeme Trailrunner
- zwei dünne Wanderhosen
- mehrere gute Wandersocken
- 2-3 mal Unterwäsche und Funktionsshirts
- leichte Regenbekleidung
- eine dünnen Isomatte für einfache Matratzenlager
- kleiner Kulturbeutel, Blasenpflaster(!), idealerweise ein Compeed-Stick
- Smartphone, Powerbank (!), Stecker mit Mehrfachadapter und Ladekabel
- Wasserflaschen oder Trinkblase, Müsliriegel, Nüsse
- ein faltbarer Wanderstock
Letztlich blieb die entscheidende Frage offen: Wie würde es sich anfühlen, mehrere Tage hintereinander mit dem Rucksack und auf Etappen von mehr als 20 Kilometern unterwegs zu sein? Was brauche ich tatsächlich? Was fehlt? Bewährt sich meine Ausrüstung? Und vor allem – halte ich selbst durch?
Ein guter Einstiegsweg: die Via Regia
Ich komme aus Sachsen, da lag mein erster Weg beinahe auf der Hand: die Via Regia. Der heutige Ökumenische Pilgerweg war noch während meiner Zeit in der alten Heimat Stück für Stück eingerichtet worden, daran erinnere ich mich noch gut. Heute ist er hervorragend fürs pilgern eingerichtet.
Bildquelle: https://www.hello-world.net/via-regia/

Hier kann man Pilgerführer und Pilgerpass beziehen.
Der ausführliche Pilgerführer enthält handgezeichnete Karten, Strecken-beschreibungen, Sehenswertes sowie Adressen und Telefonnummern der Herbergen. Die Route ist markiert, die Tagesetappen lassen sich gut vorbereiten und entlang des Weges wartet ein Netz einfacher Pilgerunterkünfte – ideale Voraussetzungen für einen ersten Versuch. Auch ist die gesamte Strecke von etwa 900 km in Einzeletappen gehbar, die jeweils Bahnanschluss haben.
Also ging es an einem sonnigen Herbstsonntag los. Ich nehme euch mit.
Tag 1 – Anreise nach Görlitz
Für die Fahrt nach Görlitz hatte ich eine frühe Verbindung mit ausreichend Zeit zum Umsteigen/ Umplanen gewählt. Sechs Umstiege und rund elf Stunden lagen vor mir – schließlich befindet sich Görlitz mehr als 500 Kilometer entfernt am anderen Ende der Republik. Als in Dortmund die Sonne aufging, war der Herbst bei gerade einmal elf Grad schon deutlich zu spüren. Während der langen Fahrt las ich ausführlich im Pilgerführer, trug die nächsten Stationen auf Google Maps ein und bereitete meine Strecke in Komoot vor. Trotz einer ersten Verspätung und eines kleinen Sprints in Leipzig erreichte ich alle Anschlüsse.






Ich hatte mein Zimmer in der Stadtmission Görlitz gebucht, mitten in der historischen Altstadt. Für 20 Euro bekam ich ein Einzelzimmer mit eigener Dusche und Küchenmöglichkeit; sogar Handtücher lagen bereit. Für den nächsten Morgen hatte ich zusätzlich das Pilgerfrühstück für acht Euro angemeldet.
Die Sonne schien und es ging kaum ein Wind, da hielt es mich noch nicht im Zimmer. Ich streifte durch das historische Zentrum bis zur Altstadtbrücke und fotografierte dort meine erste Jakobsmuschel. Im ruhigen Wasser der Neiße spiegelten sich die Häuser auf der deutschen und der polnischen Seite.



Zurück ging es an der Peterskirche vorbei noch einmal durch die Altstadt – Görlitz wirkte auf mich tatsächlich wie ein großes Freilichtmuseum.














Später saß ich mit einer Tasse Pfefferminztee in meinem Zimmer und spürte die Aufregung vor der ersten Etappe. Am nächsten Morgen warteten schließlich 28 Kilometer und ein Berg auf mich. Immerhin erwies sich mein dünner, leichter Schlafsack schon in dieser ersten Nacht als angenehm und warm.

Tag 2 – Über die Königshainer Berge nach Buchholz
Wer zeitig in den Schlafsack kriecht, ist am nächsten Morgen auch früh wieder wach. Lange vor dem Frühstück kochte ich mir einen Kaffee in der Gemeinschaftsküche, packte meinen Rucksack noch einmal etwas sinnvoller und klappte den Pilgerführer um und stellte die Route auf Komoot ein. Das Frühstück der Stadtmission übertraf meine Erwartungen: frische Brötchen, Wurst, Käse, Honig, Gemüse, Joghurt, Saft und reichlich Kaffee. Meine Brotbüchse erwies sich schon jetzt als gute Idee, denn zwei belegte Brötchen wanderten als Wegzehrung hinein. Dann brach ich auf. Die Peterskirche öffnete erst um zehn, sodass mein erster Stempel aus der Stadtmission für Görlitz reichen musste.





Hinter Görlitz begann das eigentliche Unterwegssein. Ich lief bewusst langsam und versuchte, meinen Rhythmus zu finden. Ein älterer Spaziergänger wünschte mir nach wenigen Kilometern „gutes Pilgern“ – das konnte ich für diesen ersten langen Tag gut gebrauchen. Die Kirche in Ebersbach war leider verschlossen, auch eine Stempelstelle ließ sich nicht finden.






Der Pilgerweg war zwar für aufmerksame Wanderer ordentlich markiert, trotzdem erwies sich die zusätzliche Navigation mit Komoot als hilfreich. Sie verhinderte unnötiges Suchen oder Umwege, fraß allerdings erstaunlich viel Strom. Auch Rucksack, Gürteltasche und Wanderstock waren noch nicht optimal eingestellt. Solche Kleinigkeiten bemerkt man offenbar erst, wenn man tatsächlich mehrere Stunden mit der gesamten Ausrüstung läuft.
Hinter Ebersbach wurde es stiller. Der Weg führte durch kleine Dörfer mit alten, liebevoll hergerichteten Häusern und großen Gärten. Ein weißer Trabant, der plötzlich an mir vorbeiknatterte, war wie ein kurzer Ausflug in die Vergangenheit. Noch liefen die Füße keineswegs von allein und auch die Gedanken hatten ihren eigenen schweren Rucksack dabei.








Dann ging es kilometerweit durch den feuchten Wald der Königshainer Berge bergauf. Meine Uhr meldete schließlich 30 gestiegene Stockwerke. Vorbei an Buchen, Totholz und den Felsen der alten Steinbrüche erreichte ich gegen 12.30 Uhr die Hochsteinbaude. Wie schon vorab eruiert, hatte sie an diesem Tag geschlossen. Inzwischen war ich ordentlich hungrig und froh über meine mitgebrachten Brötchen – auch wenn es für eine längere Pause auf der Höhe beinahe zu kühl war.








Als ich Arnsdorf erreichte, standen bereits rund 20 Kilometer auf der Uhr. Die Kirche war geöffnet und hier bekam ich endlich meinen zweiten Pilgerstempel. Außerdem begegnete ich einer Pilgerin aus Leipzig, die ich an diesem Tag noch mehrmals treffen sollte.






Über Döbschütz mit seinem alten Wasserschloss führte der Weg weiter nach Melaune. Dort wartete in der Alten Post eine kleine Überraschung: eine Selbstbedienungs-Kaffeestation mit Vollautomat, Zucker und sogar gekühlter Milch. Für ein wenig Klimpergeld kam der Kaffee genau im richtigen Moment. In der auffällig rosafarbenen Kirche von Melaune fand ich anschließend noch einen weiteren Stempel.









Die letzten vier Kilometer nach Buchholz wurden dennoch zur Qual. Am Ziel, der Herberge in der Alten Schule, wollte ich eigentlich nur noch trinken, duschen und die Füße entlasten. Der ehrenamtliche Herbergsvater nahm uns jedoch zunächst mit auf eine Führung durch die Kirche, zeigte uns die Orgel und eine Fotoausstellung. Interessant war es sehr – auch wenn meine Aufnahmefähigkeit inzwischen deutliche Grenzen hatte.










Meine Mitpilgerin kochte für uns. Gemeinsames Essen, ein wenig erzählen, duschen, in den Schlafsack kriechen: Mehr brauchte es an diesem Abend nicht. [Video]
Tag 3 – Von Buchholz nach Bautzen
Auch in Buchholz hatte ich ein Zimmer für mich – vollständig ausgestattet und für 20 Euro ausgesprochen angenehm. In der Gemeinschaftsküche standen Lebensmittel bereit, so dass ich am Morgen nach dem Kaffee gut versorgt starten konnte. Die Sonne schien, während es zu Hause bereits regnete – und diesen Regen durften sie dort gern behalten. Erfreulicherweise hatte ich weder Muskelkater noch Blasen. Nur die linke Schulter schmerzte etwas, vermutlich weil der Rucksack am Vortag nicht gleichmäßig eingestellt gewesen war.
Der Weg führte durch die Felder nach Weißenberg. Hier gab es einen großen Edeka mit Bäckerei und auch einen Penny – für Pilger gute Versorgungsmöglichkeiten. Nun begannen auch überall zweisprachige Ortsbezeichnungen auf Deutsch und Sorbisch. Für mich das beste – in der Apotheke bekam ich einen neuen Stempel.





Hinter Weißenberg änderte sich der Charakter des Weges, es ging auf einem schmalen Pfad am Löbauer Wasser entlang, über Wurzeln und Felsen immer wieder hinauf und hinunter. Der Abschnitt durch die Gröditzer Skala war wunderschön, aber nichts für schwache Nerven. Schließlich erreichte ich den Schlosspark Gröditz und das dortige Refugio Santa Martha. Die Betreuerin lud mich herzlich ein, mich für eine Pause zu setzen. Nach dem Picknick bekam ich einen von ihr handgeschriebenen Tagesspruch mit auf den Weg. Solche kleinen Gesten gehören zu den Dingen, die vom Pilgern in Erinnerung bleiben.








Danach kamen zugewachsene Feldwege, schwieriger Untergrund und immer mehr Sonne. In Drehsa fand ich einen Spielplatz mit Pilgerstempelstelle für meine geplante Halbzeitpause.










Gut 14 Kilometer lagen hinter mir und fast genauso viele noch vor mir. Irgendwann erschienen in der Ferne endlich die Türme von Bautzen im Tal. Das war hoffnungsvoll und zermürbend zugleich – denn noch immer lagen neun Kilometer vor mir.









Die letzten Kilometer führten entlang der Straße und ich erreichte ziemlich erschöpft die Bäckerei, in der mein Schlüssel hinterlegt war. Heute übernachtete ich in der Pilgerwohnung der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde St. Petri, für 15€, diesmal nicht alleine.
Ein Kaffee brachte mich wieder so weit auf die Beine, dass ich noch zum Bautzener Dom aufbrechen wollte. Bis 18 Uhr, dachte ich, müsste ich es bequem schaffen. Doch in Bautzen schließen die Kirchen bereits um 17.30 Uhr. Ausgerechnet den Simultandom mit seiner evangelischen und katholischen Seite konnte ich nun nicht mehr von innen sehen. Auch am nächsten Morgen würde er erst um zehn öffnen.















Nach 30 gelaufenen Kilometern vor einer verschlossenen Tür zu stehen, war mehr als ärgerlich – zumal am Abend selbst in der Fußgängerzone kaum noch etwas geöffnet hatte. [Video]

Tag 4 – Durch die katholische Oberlausitz bis Kamenz
Am Morgen wechselte ich beim Bäcker Geld und kaufte Sächsische Eierschecke und Unterwegsproviant. Muskelkater hatte ich weiterhin keinen und das Laufen ging jetzt automatisch. Dafür brannten die Füße und am linken kleinen Zeh zeigte sich die erste gerötete Stelle. Vorsichtshalber hatte ich ein Blasenpflaster aufgeklebt. Es nieselte – erster Test für die neue Regenjacke. Auf meinem Weg durch die noch stille Altstadt entdeckte ich einige neue Ecken.









Zwischen Bautzen, Crostwitz und Panschwitz-Kuckau führt die Via Regia durch das katholische Kerngebiet der sorbischen Oberlausitz. Zweisprachige Ortsnamen, Kirchen, Wegkreuze und Betsäulen prägen hier nicht nur den Pilgerweg, sondern die gesamte Landschaft. Gerade zu Fuß sieht man diese Zeichen, an denen man mit dem Auto wahrscheinlich achtlos vorbeifahren würde.
Kaum hatte ich Bautzen verlassen, hörte der Regen auf und ich begann unter der dichten Jacke sofort zu schwitzen. Anhalten, Rucksack absetzen, auch das lief jetzt besser als am ersten Tag, Jacke ausziehen. Die Temperaturen waren mittlerweile sehr angenehm. Die ersten sechs Kilometer verliefen dafür auf einer Landstraße und parallel zur Autobahn. Zwar kamen nicht ständig Autos, angenehm war dieser Abschnitt trotzdem nicht. Später ging es auf einem asphaltierten Feldweg weiter. Nun schien die Sonne, ein leichter Wind wehte und Eicheln und Kastanien lagen auf dem Weg – nur die erhofften Falläpfel fehlten.









Unterwegs machte ich eine für mich sehr interessante Entdeckung: eine historische Triangulationssäule. Sie wurde 1865 errichtet und gehörte zu dem zwischen 1862 und 1890 aufgebauten königlich-sächsischen Vermessungsnetz, mit dem Sachsen international wegweisend war.
Wenig später erreichte ich auf einer Anhöhe das sorbische Millenniumsdenkmal. Es zeigt die Brüder Cyrill und Methodius, die im 9. Jahrhundert als Missionare unter den slawischen Völkern wirkten. Katholische Sorben ließen das Denkmal im Jahr 2000 als Zeichen ihres Glaubens und ihrer Verbundenheit mit den anderen slawischen Völkern errichten. Gerade fuhr ein Reisebus ab, sodass ich den Platz in Ruhe fotografieren konnte.



In Storcha machte der Ort seinem Namen alle Ehre: Tatsächlich stand dort ein Storch. Die kleine Kirche war geöffnet und bot Pilgern einen Picknickplatz an.







Bis Crostwitz führte der Weg weiterhin überwiegend über schmale Landstraßen. Landschaftlich war diese Etappe bisher kein Höhepunkt. Dafür begegneten mir an diesem Tag überall die katholischen Wegkreuze und Betsäulen. An fast jeder Kreuzung und vor vielen Häusern stand eines. Vor dem teilweise dunklen Himmel ergaben sie mit ihrem Gold einen eindrucksvollen Kontrast. Jetzt war ich endgültig in der katholisch und sorbisch geprägten Oberlausitz angekommen. In Crostwitz folgte ich einem Weg mit Darstellungen sorbischer Sagenfiguren und wurde von einigen frisch geschorenen Schafen begrüßt. Die Kirche wirkte weniger einladend. Dafür entdeckte ich wenig später tatsächlich eine Bank mit einem Pilgerstempel.















Nach rund 20 Kilometern erreichte ich Panschwitz-Kuckau und kam durch den Wald direkt zum Klostergarten von St. Marienstern. Mein erster Weg führte ins Klostercafé. Das Kloster kenne ich schon von meiner Klosterrunde durch Sachsen (siehe Blog). Eigentlich hatte ich hier übernachten wollen, doch es war noch nicht einmal 14 Uhr und bis Kamenz waren es nur weitere zwölf Kilometer. Also rief ich dort an: Ein Bett war frei, aber den Schlüssel musste ich bis 18 Uhr bei der Kamenz-Information abholen. Das sollte zu schaffen sein. Im Klosterladen holte ich mir noch einen besonders schönen Stempel und machte mich wieder auf den Weg.




Die Landschaft zeigte sich herbstlich mit dunklem Himmel, Blumen und Früchten, aber die anfängliche Euphorie verflog schneller als gedacht. Zwölf Kilometer blieben eben zwölf Kilometer. Dazu stellte Komoot irgendwann die Aufzeichnung ein und zeigte mir weder die gelaufene noch die verbleibende Strecke an. Ich wich auf Google Maps aus. In Nebelschütz war die Kirche geöffnet und ich bekam noch einen Pilgerstempel.















Die letzten Kilometer bis Kamenz zogen sich, aber ich erreichte pünktlich die Touristinformation neben der Klosterkirche St. Annen (siehe Klosterblog Sachsen), bezahlte 15 Euro und erhielt neben dem Herbergsschlüssel einen weiteren Stempel.
Nun fehlten allerdings noch einmal anderthalb Kilometer – bergauf bis zur Pilgerherberge im Türmerhaus auf dem Hutberg. Die hatte ich heute wieder ganz für mich allein.[Video]


Tag 5 – Regen, schmerzende Füße und eine Entscheidung
Am Morgen war meine Kondition wieder da, doch inzwischen tat jeder Zeh weh – ich überlegte kurz, in Sandalen weiterzulaufen, entschied mich dann aber doch für Blasenpflaster. Für diesen Tag standen zwei Möglichkeiten zur Wahl: nur 17 Kilometer bis Königsbrück oder noch einmal mehr als 30 Kilometer bis zum Schloss Schönfeld. Das wollte ich unterwegs und abhängig vom Wetter entscheiden. In Königsbrück musste ich auf jeden Fall einkaufen, denn sowohl das Armenhaus als auch das Schloss Schönfeld boten außer Matratzen und einem Waschbecken kaum etwas.
Vom Hutberg ging es zunächst steil hinunter und anschließend durch Felder und Wälder in Richtung Königsbrück. Am Morgen war es noch empfindlich kühl.
















Königsbrück empfing mich verschlafen, die Geschäfte und Restaurants entlang des Weges waren geschlossen und über dem Marktplatz wurde der Himmel immer dunkler. Wenigstens die Touristinformation hatte geöffnet: Dort bekam ich meinen Pilgerstempel und den Hinweis, dass es im Hotel das einzige Restaurant gebe.
Also lief ich dorthin – um festzustellen, dass ausgerechnet heute Ruhetag war. Inzwischen begann es zu regnen. Am Markt fand ich schließlich einen chinesischen Imbiss und saß erst einmal wenigstens trocken. Der Wetterbericht behauptete zwar, es regne nicht, aber ein Blick aus dem Fenster erzählte eindeutig etwas anderes.
Nun musste ich mich entscheiden. Das einfache Armenhaus und die Unterkunft im Schloss mit Matratze und Waschbecken wirkten unter diesen Umständen wenig verlockend. Eine privat geführte Pilgerherberge lag nur acht Kilometer entfernt und es waren schon mehrere Pilger vor mir unterwegs. Und die Schuhe schienen mittlerweile gefühlt zwei Nummern zu kurz.
Immerhin hatte ich in Königsbrück den Lausitzer Teil der Via Regia geschafft. [Video]

Ich prüfte die Bahnverbindungen und stellte fest, dass ich noch am selben Abend bei Linda in Halle sein könnte. Laura brachte mich schließlich noch auf eine andere Idee: Wenn ich schon mit der Bahn unterwegs war, konnte ich doch noch einmal nach Bautzen zurückfahren und endlich den Dom besichtigen. Dieser Gedanke beflügelte mich sofort.
Mit mehreren Umstiegen brauchte der Zug von Königsbrück nach Bautzen nur etwa anderthalb Stunden. Ich plante einen gemütlichen Nachmittag: den Dom ansehen, vielleicht die Schuhe wechseln, einen Kaffee trinken und noch im Bautzener Senfladen vorbeischauen. Danach könnte ich mit dem Deutschlandticket weiter nach Halle fahren und gegen 20 Uhr dort sein.

Doch als ich in Bautzen auf den Dom zuging, sah ich schon von Weitem ein Schild an der Tür. Ausgerechnet an diesem Tag war der Dom vollständig geschlossen.
Bis zum nächsten Zug blieben nur 20 Minuten, also nahm ich die Beine in die Hand und schaffte es tatsächlich, sogar noch einen Cappuccino einzuwerfen und stand dann durchgeschwitzt, aber ganz und gar nicht unzufrieden, auf dem Bahnsteig. Mit vier weiteren Umstiegen ging es nun nach Halle.
Resümee
Meine erste Pilgerwanderung endete früher als geplant – nach genau 111 Kilometern. Trotzdem überwiegt eindeutig das Positive: Ich hatte weder Muskelkater noch Rückenschmerzen und konnte mehrere Tage hintereinander zwischen 20 und mehr als 30 Kilometer zurücklegen. Das hätte ich mir vor dem Start nicht unbedingt zugetraut. Mein Körper kam mit den langen Tagesetappen und dem bewusst leicht gehaltenen Rucksack erstaunlich gut zurecht, auch die Ausrüstung passte – nur meine Füße meldeten am Ende berechtigten Protest an.
Die wichtigste Erkenntnis betrifft deshalb die Schuhe. Das Modell hatte sich grundsätzlich bewährt, war für solche Entfernungen aber eine Nummer zu klein. Beim nächsten Versuch brauche ich mehr Platz für die Zehen, noch bessere Wandersocken und zusätzlich einen Anti-Blasen-Stick zur Vorbeugung. Dass sich ein Schuh im Laden und auf kürzeren Strecken passend anfühlt, bedeutet eben noch lange nicht, dass er auch nach 100 Kilometern noch richtig sitzt.
Auch sonst hat das Experiment funktioniert. Jeden Tag 20 bis 30 Kilometer an der frischen Luft zu verbringen, entwickelte einen ganz eigenen Rhythmus: morgens den Rucksack packen, dem Weg folgen und abends gespannt sein, welches Quartier mich erwartet. Außerhalb der Hauptsaison waren die Herbergen angenehm ruhig, teils sogar mit Einzelzimmer. Hinzu kamen Küchen, zurückgelassene Lebensmittel und vor allem hilfsbereite Menschen.
Die Via Regia zeigte sich dabei sehr unterschiedlich. Es gab lange Feldwege, stille Wälder und liebevoll gepflegte Dörfer, aber auch schmale Landstraßen, wenig reizvolle Asphaltabschnitte und stellenweise eine dürftige Ausschilderung. Besonders in Erinnerung bleiben mir die Gröditzer Skala, die Königshainer Berge, die zweisprachigen Orte der sorbischen Oberlausitz, die vielen Wegkreuze und Betsäulen sowie das Kloster St. Marienstern.
Mit meinem angesetzten Tagesbudget von 50 Euro kam ich problemlos hin. Das lag nicht daran, dass ich besonders geizig war. Unterwegs gab es schlicht wenig Möglichkeiten, Geld auszugeben, und wenn ich doch an einem Restaurant oder Café vorbeikam, hatte ich nicht immer gerade Hunger. Die günstigen Herbergen und die Möglichkeit, Proviant mitzunehmen oder selbst etwas zuzubereiten, hielten die Kosten niedrig.
Der Regen und die schmerzenden Füße beendeten diesen ersten Versuch. Traurig bin ich deshalb nicht. Im Gegenteil: Jetzt weiss ich, dass ich solche Tagesetappen gut bewältigen kann, dass meine Ausrüstung im Wesentlichen funktioniert – und was ich vor dem nächsten Aufbruch verändern muss.
Die Via Regia endet für mich also nicht in Königsbrück. Dort wartet lediglich die Fortsetzung.

Unterwegs in der Homezone: Der Weg des Westfälischen Friedens
Auch in NRW gibt es einige Pilgerwege, wie ich auf der Seite der LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) lesen konnte.

Die „Wege der Jakobspilger in Westfalen“ war dabei eines der spannenden Projekte der Altertumskommission der LWL.
Bildquelle: https://www.jakobspilger.lwl.org/de/
Ich hatte einige Tage Zeit und die Herbstsonne lockte ebenfalls zum Start. Die Auswahl war groß und ich habe letztlich nach der einfachsten Erreichbarbeit mit der Bahn von zu Hause aus entschieden und Osnabrück als Startpunkt gewählt.
Der „Weg des Westfälischen Friedens“ folgt einer alten Handelsverbindung zwischen Lübeck und Köln. Teile dieser Strecke sind bereits seit dem 12. Jahrhundert belegt. Neben Kaufleuten waren hier auch Pilger unterwegs, die in Herbergen und Hospitälern entlang des Weges Unterkunft fanden. Seinen Namen verdankt der Weg den Friedensreitern: Während der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden überbrachten sie Nachrichten zwischen Osnabrück und Münster. In beiden Städten wurde über mehrere Jahre um ein Ende des Dreißigjährigen Krieges gerungen. Was 1618 als Religions- und Machtkonflikt in Böhmen begonnen hatte, war zu einem europäischen Krieg geworden. 1648 gelang schließlich der Friedensschluss, der das Zusammenleben der Konfessionen und die politischen Machtverhältnisse neu regelte.
Den Pilgerpass für NRW bekommt man in Münster, ich habe ihn mir zuschicken lassen. Für die einzelnen Routen gibt es auf der o.g. Seite der LWL interaktive Karten mit Stempelstellen und Unterkünrten und eine detaillierte Wegbeschreibung als PDF, teils auch GPS-Daten für ein Garmin-Gerät.
Ich würde nach unserem historischen Einstieg die praktischen Hinweise zum Weg setzen. Danach folgen deine drei Tagesetappen und am Ende das Resümee. Doppelte Diktatstellen habe ich zusammengeführt, private Merker herausgenommen und offensichtliche Spracherkennungsfehler korrigiert. Unklare Ortsnamen und die Kirche bei Münster bleiben vorerst offen.
Allgemeines zum Pilgerweg
Den Pilgerpass für NRW bekommt man in Münster, ich habe ihn mir zuschicken lassen, das war ein sehr netter Kontakt. Für die einzelnen Routen gibt es auf der Seite des LWL interaktive Karten mit Stempelstellen und Unterkünften und eine detaillierte Wegbeschreibung als PDF, teils auch GPS-Daten für ein Garmin-Gerät.
In den interaktiven Karten und dem Finden der Routen steckt viel Arbeit und sicherlich, wie ich vermute, auch viel ehrenamtliches Engagement. Die Karten enthalten Stempelstellen, Übernachtungs- und Einkaufsmöglichkeiten. Für die praktische Planung muss man allerdings noch einiges selbst zusammensuchen: die Website eines Hotels aufrufen, Kontaktdaten suchen oder die Öffnungszeiten der Stempelstellen überprüfen.
Bildquelle: https://www.jakobspilger.lwl.org/de/

Orientierung unterwegs
Sicher habe ich nicht optimal begonnen: An weiten Stellen habe ich das Pilgerzeichen vergeblich gesucht und bin also mit zwei Seiten ausgedruckter Wegbeschreibung in der einen und Google Maps in der anderen Hand bis vor die Tore von Osnabrück und zwischendurch durch die Felder gelaufen. Pilgern ist eigentlich anders gedacht.
Am zweiten Tag hatte ich Unterstützung von Komoot. Die Route habe ich erst beim ausdrücklichen Googeln gefunden, nicht direkt in der App. Dort sind auch Rastplätze und Sehenswürdigkeiten eingetragen. [Link zur Tour]
Auch war mir zunächst nicht bewusst, dass das weiße X auf schwarzem Grund mit der Zahl 1648 auf gemeinsamen Abschnitten ebenfalls den Weg weist. Das zu wissen erleichtert die Orientierung erheblich!
Etappen und Stempelstellen
Die Abschnittseinteilung auf der LWL-Seite passte für mich nicht immer: Für eine Etappe waren etwa 13 Kilometer vorgesehen, für die nächste dann 35. Ich habe mir meine Tagesstrecken deshalb unterwegs selbst eingeteilt. Auch waren meine tatsächlich gelaufenen Kilometer teilweise mehr als erwartet.
Bei den Stempelstellen kam die Enttäuschung. Teils befinden sie sich in Kirchen, die nicht oft geöffnet sind, teils in Touristinformationen mit sehr eingeschränkten Öffnungszeiten. Nur ein Stempel lag dagegen ganz unkompliziert in einem Kästchen draußen neben der Kirche bereit.
Übernachten oder nach Hause fahren?
An der Via Regia gibt es Pilgerunterkünfte für 15 bis 25 €. Das finde ich sehr akzeptabel. Hier auf dem Weg des Westfälischen Friedens begannen die Preise bei meiner Recherche bei 39 € ohne alles, in einem Ort sogar bei 69 €.
Ich habe deshalb die Nähe zu meiner Wohnung ausgenutzt und bin jeden Abend nach Hause gefahren. Das bot sich doppelt an, weil die Kosten für Fahrten mit dem eezy-Ticket innerhalb NRWs im Monat auf den Preis des Deutschlandtickets gedeckelt sind. Da war es für mich letztendlich billiger und angenehmer, als teuer in einem anonymen Zimmer zu übernachten. Außerdem konnte ich so mit kleinem Gepäck wandern und im Wechsel meine neuen, größeren Wanderschuhe testen.
Hier ist schon mal vorab mein Pilgertagebuch auf Insta: Tag 1, Tag 2, Tag 3
Erster Tag – von Osnabrück nach Lengerich
Ich sitze im Zug, die Sonne geht auf und über den Feldern im Münsterland liegt Morgennebel.

In Osnabrück sind es anderthalb Kilometer vom Bahnhof bis ins Stadtzentrum zum wunderschönen Dom. Der hat auch schon geöffnet und eine nette Mitarbeiterin gibt mir in der Sakristei meinen ersten Stempel. Ein guter Beginn.






Doch dann beginnt das große Suchen. Im Zentrum ist der Pilgerweg nicht ausgeschildert – oder ich habe es einfach nicht gefunden. Es geht rechts und links durch Gassen mit historischen Häusern, vorbei am alten Rathaus.





Am Ortsrand beginnt die relativ gute Ausschilderung. Letztlich geht es durch den Stadtwald und über die südliche Landwehr, dann kommen die Felder. Ich laufe an großen Gutshöfen mit Pferdekoppeln vorbei und sehe Reiter und weidende Tiere. Mittlerweile scheint die Sonne warm und ich kann meine Weste ausziehen. Kurz vor dem nächsten Ort lädt ein kleiner Unterstand zur Pausenrast.








In Hasbergen hält am Abzweig zur Kirche schon eine Frau im Auto an. Ich sehe offenbar aus, als würde ich etwas suchen. Sie erklärt mir den Weg zur Kirche und auch, dass der Pilgerstempel in einem blauen Kästchen liegt. Und die nächste Überraschung: Die Kirche ist zwar geschlossen, aber es gibt ein Schild mit einem QR-Code. Über die „Hufeisenkirche“ kann man einen kleinen Film abrufen und das Innere sehen. Das finde ich spannend und macht mir den Ort hier sehr sympathisch.





Weiter geht es an einer alten Mühle vorbei und auf dem Friedensweg durch den Wald. Zwischenzeitlich ist die Ausschilderung wieder doppeldeutig. Nun denn. Der Weg führt weiter hinauf, dort steht eine schöne Säule mit einer goldenen Muschel und einem gemalten Bild. Das versöhnt mich wieder mit dem Umweg.





Die nächste Station ist die Stiftskirche in Leeden. Hier ist der heimatverein aktiv. Die Kirche ist geöffnet, herbstlich geschmückt und meinen Stempel finde ich auch.





Später quäle ich mich den letzten Berg hinauf und entlang der Fernverkehrsstraße wieder hinunter nach Lengerich. Die dortige Kirche hat schon geschlossen und ich beschließe, den nächsten Zug zu nehmen und morgen früh von hier weiterzugehen. So sehr ich von der Landschaft angetan bin, hat die Suche nach dem Weg mit Zettel und Google Maps doch sehr genervt.
Zweiter Tag – von Lengerich nach Schmedehausen
Mit kleinem Gepäck und der Komoot-Route auf dem Handy nehme ich den Morgen-Zug. Der Wetterbericht hat zwar Regen angesagt, jedoch erst ab 18 Uhr. Als ich in Lengerich aussteige, beginnt es prompt zu nieseln. Nur gut, dass ich meine Daunenjacke und zusätzlich die Regenjacke dabeihabe.
Ich laufe zunächst zur Touristinformation, wo ich den Stempel zu bekommen hoffe. Dass die Kirche nur zwei Stunden am Nachmittag geöffnet ist, wusste ich. Aber ausgerechnet heute ist auch das Rathaus aus technischen Gründen zu. Ein bisschen Glück habe ich trotzdem: Es gibt kostenlose, geöffnete und saubere öffentliche Toiletten. Wenn das nicht einiges wieder wettmacht.





Heute navigiere ich dafür treffsicher mit Komoot. Erst etwa fünf Kilometer vom Ort entfernt sehe ich dann auch das erste Pilgerzeichen auf einem Waldweg, den ich ohne die App wohl kaum gefunden hätte. Auf der Via Regia waren die Zeichen an die Bäume gemalt, hier kleben Aufkleber, die den nächsten Winter nur mit Glück überstehen.
An einer Allee liegt ein Schlösschen mit Burggrtaben. Dieser Abschnitt ist landschaftlich der bisher schönste. Im Wald stehen ganz einsam verteilt historische Fachwerkhäuser. Dann geht es durch ein Naturschutzgebiet. Ich laufe offenbar durch ein Moorgebiet, die Wege heißen auffallend oft „Damm“.










Und dann steht da, kurz vor dem nächsten Ort, ein einsames Haus. Daneben ein Tisch für die Pilger: Milch, Cappuccino, Kakao, Wasser, Tee und ein Gästebuch, hübsch bereitgestellt mit Tassen und Löffeln und einer netten Einladung. Es macht so froh, heutzutage auf diese Weise Menschen zu begegnen.
Und erst jetzt wird mir klar, was mir gestern schon geholfen hätte – nicht nur neben dem Pilgerwegzeichen, sondern in ganz regelmäßigen Abständen, stehen weiße X mit der Zahl 1648 auf schwarzem Grund.

Ich komme nach Ladbergen, einem netten Örtchen, gelegen an einem Bach, mit einem Lehrpfad, schönen Brücken, einem idyllischen kleinen Park und viel Backstein.

Mit dem Stempel habe ich dafür weniger Glück. Die Kirche ist geschlossen, die Touristinformation seit zwölf Uhr ebenfalls. Ein Schild verweist auf andere Stellen, zum Beispiel eine Eisdiele. Die ist schon in der Winterpause. Also zurück zum Rathaus, zum Ordnungsamt, wo der Stempel sein soll. Aber auch das Rathaus hat täglich nur von neun bis zwölf geöffnet. Dafür gibt es wenigstens wieder kostenlose öffentliche Toiletten.
Es ist früher Nachmittag, und ich stehe etwas frustig auf dem Platz vor der Kirche. Der Bus fährt von hier nur zurück nach Lengerich. Dazu habe ich nun gar keine Lust. Im nächsten Ort, Schmedehausen, sieht es wohl erfreulicher aus. Von dort sollte ich weiter Richtung Münster kommen. Also auf und die vermeintlichen fünf bis sieben Kilometer unter die Füße genommen. Vielleicht ist der Pilgerweg auch wieder länger. Es nieselt immer noch, aber das tut dem Münsterland nicht unbedingt Abbruch, die tief hängenden Wolken unterstreichen den besonderen Reiz der Fachwerklandschaft.
Am Ortsausgang sehe ich noch einen Hinweis auf einen Reiterhof, wo es ebenfalls einen Stempel geben soll. Aber der liegt nicht an meiner Strecke, und laut Karte müsste ich 32 Minuten dorthin laufen. So viel Aufwand lohnt sich dann doch nicht.
Der Weg führt durch den Wald, ich finde noch eine Pilgersäule und eine Schaukelbank zum Füßeerholen.





Auf dem Deich am Dortmund-Ems-Kanal beginnt es dann richtig zu regnen. Hier werde ich zum ersten Mal heute wirklich nass. Über die Brücke geht es schließlich in den kleinen Ort Schmedehausen. Der begrüßt mich mit einer bunten Handwerkersäule, dem Blick auf den Kirchturm – und einer geöffneten Kirche. Auch der Pilgerstempel liegt bereit. Der erste, hart erkämpfte Stempel des heutigen Tages. Vielen Dank!





Der Ort hat keinen Bahnanschluss. Ich suche die nächste Bushaltestelle, und ein netter Busfahrer, der dort gar nicht hätte halten müssen, sammelt mich ein und bringt mich nach Greven und beschreibt mir noch den weiteren Weg. So komme ich am frühen Abend, aufgewärmt mit meiner Wärme-Powerbank, und auch einigermaßen trocken zu Hause an. Mein Ticket kostet inzwischen 0,00€. Das klappt also wirklich – eine coole Idee von NRW!
Dritter Tag – von Schmedehausen nach Münster
Wieder ist Morgennebel und eine tolle Stimmung. Mit dem Zug geht es bis Münster und dann mit dem Bus nach Schmedehausen. Wir fahren am Flughafen Münster/Osnabrück vorbei und schon wenig später stehe ich an meinen Startpunkt an der Kirche. Als sich der Frühnebel verzogen hat, ist strahlender Sonnenschein. Komoot zeigt 26 Kilometer bis Münster. Ich habe gelesen, dass es dort sogar mehrere Stempelstellen gibt.
Ich komme an abgeernteten Feldern vorbei, auf denen noch der Morgentau liegt, an großen Apfelhöfen und natürlich an Weiden. Der Weg führt über Radwege und kleine Nebenstraßen durch die Felder und ist wieder gut ausgeschildert. Komoot läuft zuverlässig nebenher.






Heute überquere ich den Dortmund-Ems-Kanal mehrfach. Später mache ich eine Pause auf einer Bank in der Sonne. Für kurze Zeit trennt sich der Pilgerweg vom Westfälischen-Frieden-Weg und führt durch ein Naturschutzgebiet rund um ein Moor. Es geht an alten Kanälen vorbei und auf einem engen Pfad zwischen Wasserschutzgebiet und Militärübungsplatz entlang. Auf dem Waldboden liegen Kastanien, Eicheln und Bucheckern zwischen den bunten Blättern.








Die Strecke ist heute wirklich wunderschön. Kurz vor Münster komme ich durch eine Roteichenallee und einen Rosskastanienwald. Der Pilgerweg ist viele Kilometer länger als die direkte Straße nach Münster. Aber als ich vor Haus Dyckburg stehe, ist er jeden Umweg wert. Eine kleine Kirche mit der reich geschmückten Grabkapelle von Graf Bonifatius von Hatzfeld-Trachenberg und seiner Frau Olga – und meinen ersten Stempel aus Münster bekomme ich noch dazu.





Obwohl ich nur noch wenige Kilometer vom Zentrum entfernt bin, geht es immer noch durch den Wald und über die große Schleuse am Dortmund-Ems-Kanal.
Der Weg ins Zentrum zieht sich, wie immer auf den letzten Kilometern. Ich beeile mich, um rechtzeitig am Dom anzukommen. Der ist auch noch geöffnet, aber eine Stempelstelle finde ich nicht.


Ein Blick in die Unterlagen und zurück zur Stadtkirche. Das Kirchenfoyer befindet sich in einem kleinen Büro gegenüber. Dort bekomme ich meinen letzten Stempel dieser Route.
Münster selbst hat einen eigenen Besuchstag verdient. Den hatte ich allerdings schon bei meinen Streifzügen auf meinen Lieblingskrimispuren und zu den angesagtesten Weihnachtsmärkten.
Mein Resümee
Der Pilgerweg zwischen Osnabrück und Münster ist landschaftlich schön und romantisch: mit verwunschenen Fachwerkhäusern, Feldern, Wegen durch Wälder und besonderen Zeichen am Wegesrand. Eine goldene Muschel mit einem gemalten Bild, kleine Pilgersäulen, eine Schaukelbank zum Füßeerholen – und als Krönung ein Pilgerpausentisch mit Kaffee, Tee und Trinkschokolade, hübsch bereitgestellt und mit einer netten Einladung.
Auch die vielen Hinweistafeln haben mir gefallen. Sie erzählen von Pflanzen und Tieren, die Hecken und Wiesenbewohnern, von den Bäumen im Wald und der Vielfalt in der Landschaft. Schön gemacht und einfach aufschlussreich als Information am Wegesrand.
Bei der Orientierung habe ich dazugelernt. Mit Komoot und dem Wissen um die zusätzliche Markierung des Westfälischen-Frieden-Weges war ich am zweiten und dritten Tag deutlich entspannter unterwegs. Etwas schade fand ich die eingeschränkt zugänglichen Stempelstellen. Der Weg ist natürlich auch ohne Stempel schön. Aber einen hübschen Stempel zu bekommen wäre eben noch das Tüpfelchen auf dem i.
Für die Vorbereitung hätte ich mir ein kleines Heft gewünscht, wie ich es von der Via Regia kenne: mit Wegbeschreibung, Stempelstellen, Unterkünften und den wichtigsten Kontaktdaten. Gern gegen ein entsprechendes Entgelt und zusammen mit dem Pilgerpass verschickt. Natürlich kann sich nach dem Erscheinungstermin etwas ändern. Aber dann müsste man nur im Einzelfall noch einmal nachforschen.
Auch günstigere Pilgerunterkünfte wären schön. Vermutlich gibt es hier weniger Angebote, weil wenige Pilger unterwegs sind. Andererseits machen höhere Übernachtungskosten das Pilgern auch nicht gerade leichter. Zwei Dinge, die sich gegenseitig bedingen.
Für mich hat das tägliche Nachhausefahren gut funktioniert: kleines Gepäck, abends wieder aufwärmen und am nächsten Morgen weiter. Und in Erinnerung bleiben vor allem das herbstliche Münsterland, die kleinen Entdeckungen und die freundlichen Menschen am Weg.

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