Nach knapp zwei Wochen Mai-Urlaub auf der Grünen Insel stand zum Abschluss unserer Rundreise noch ein ganz besonderer Ort auf dem Programm. Auf dem Weg zurück aus dem Norden nach Dublin machten wir einen Abstecher nach Brú na Bóinne, einer vorgeschichtlichen Kulturlandschaft im Tal des River Boyne, nur etwa eine Autostunde nördlich der irischen Hauptstadt.
Anders als viele Welterbestätten liegt Brú na Bóinne nicht spektakulär auf einer Klippe oder in einer historischen Altstadt. Zwischen sanften Hügeln und landwirtschaftlich genutzten Flächen verbirgt sich hier eine der bedeutendsten archäologischen Landschaften Europas. Dass sich hinter den grünen Hügeln Bauwerke verbergen, die älter sind als Stonehenge und sogar älter als die Pyramiden von Gizeh, wird einem erst vor Ort richtig bewusst.
Das archäologische Ensemble von Brú na Bóinne steht seit 1993 als eine der bedeutendsten vorgeschichtlichen Kulturlandschaften Europas auf der UNESCO-Welterbeliste. Das Welterbe umfasst nicht nur die berühmten Ganggräber von Newgrange, Knowth und Dowth, sondern mehr als 90 bekannte archäologische Monumente in einer Flussschleife des River Boyne. Die Stätte gilt als herausragendes Zeugnis der jungsteinzeitlichen Kultur und als eines der wichtigsten Zentren prähistorischer Kunst und Ritualtraditionen Europas.
Besonders bemerkenswert sind die monumentalen Grabanlagen, die vor rund 5.000 Jahren entstanden. Die reich verzierten Steine von Brú na Bóinne bilden die größte Sammlung megalithischer Kunst Europas. Gleichzeitig zeigen die Bauwerke eindrucksvoll, über welches technische, astronomische und organisatorische Wissen die Menschen der Jungsteinzeit bereits verfügten. Hier geht es zum offiziellen Video.
Schon der Weg vom Parkplatz zum Besucherzentrum stimmt auf das Welterbe ein. Entlang des Fußwegs laden mehrere Informationstafeln dazu ein, den Blick nicht nur auf die bekannten Grabhügel, sondern auf die gesamte Kulturlandschaft zu richten.




Welterbezentrum
Im Besucherzentrum selbst lohnt es sich, genügend Zeit einzuplanen. Die moderne Ausstellung vermittelt anschaulich, wie die Menschen der Jungsteinzeit lebten und ihre monumentalen Bauwerke errichteten. Ein weiterer Teil beschäftigt sich mit der Entdeckung der Grabhügel. Modelle, Funde, Filme und schließlich Rekonstruktionen helfen dabei, die Dimensionen der Anlagen besser zu verstehen.











Je nach Jahreszeit werden verschiedene Führungen angeboten. In der Hauptsaison können sowohl Newgrange als auch Knowth besichtigt werden, daneben gibt es auch kürzere Führungen zu einzelnen Anlagen. Der Zugang zu den Monumenten ist ausschließlich im Rahmen geführter Touren möglich.
Da wir auf der Durchreise waren, entschieden wir uns für einen kürzeren Besuch und beschränkten uns auf die Außenanlagen und die Ausstellung. Begeistert waren wir trotzdem.
Besonders faszinierte uns die Geschichte der Wintersonnenwende in Newgrange. Jedes Jahr dringt an wenigen Tagen um den 21. Dezember die aufgehende Sonne durch einen schmalen Lichtschacht bis tief in die zentrale Grabkammer vor. Wer dieses Ereignis erleben möchte, muss allerdings großes Glück haben: Die wenigen Plätze werden jedes Jahr über eine internationale Verlosung vergeben. Natürlich haben wir sofort an der berühmten Winter-Solstice-Lottery teilgenommen – schließlich bekommt man nicht oft die Chance, eines der beeindruckendsten Schauspiele der Vorgeschichte mitzuerleben.
Newgrange – ein Grabhügel, der mehr ist als ein Grabhügel
Ein Shuttlebus brachte uns vom Besucherzentrum nach Newgrange.

Schon von außen wirkt Newgrange beeindruckend. Der gewaltige, rund 80 Meter breite Grabhügel erhebt sich über der Landschaft und macht sofort deutlich, welch enorme Leistung sein Bau vor etwa 5.000 Jahren gewesen sein muss. Besonders auffällig ist die rekonstruierte Front aus hellem Quarz und dunklen Granitsteinen, die dem Monument sein heutiges Erscheinungsbild verleiht.



Der Blick wird jedoch fast automatisch auf den großen Eingangsstein gelenkt. Er gehört zu den bekanntesten Beispielen jungsteinzeitlicher Kunst Europas. Die kunstvoll eingravierten Spiralen, Bögen und geschwungenen Linien sind bis heute eines der Wahrzeichen Irlands. Obwohl ihre genaue Bedeutung unbekannt ist, ziehen die Muster die Besucher noch immer in ihren Bann.
Rund um den Grabhügel stehen zahlreiche große Randsteine, von denen viele ebenfalls mit Verzierungen versehen sind. Zusammen mit dem Steinkreis, der die Anlage umgibt, vermitteln sie einen Eindruck von der Größe und Bedeutung des Monuments. Je länger wir uns dort aufhielten, desto mehr Details fielen uns auf.
Die auffällige helle Front des Grabhügels besteht aus mehreren Gesteinsarten, die zum Teil von weit her herangeschafft wurden. Besonders ins Auge fällt der weiße Quarz, der aus den Wicklow Mountains südlich von Dublin stammt. Dazwischen wurden dunkle Granitsteine aus den Mourne Mountains im heutigen Nordirland sowie kleinere, dunklere Rundsteine aus der Region verbaut. Allein der Transport dieser Materialien über teils große Entfernungen gilt als beeindruckende Leistung für eine Gemeinschaft der Jungsteinzeit.




Für die genaue Gestaltung der heutigen Front gibt es unter Archäologen zwar unterschiedliche Ansichten, unbestritten ist jedoch, dass der helle Quarz eine besondere Rolle spielte. Wenn die Sonne auf die Steine scheint, beginnen sie zu glitzern und heben sich deutlich von der grünen Landschaft ab. Man kann sich gut vorstellen, dass Newgrange schon vor 5.000 Jahren weithin sichtbar gewesen sein muss und auf Besucher einen ähnlich beeindruckenden Eindruck gemacht hat wie heute.

Beeindruckend fanden wir auch den Steinkreis rund um Newgrange. Die gewaltigen Findlinge verleihen dem Ort zusätzlich etwas Geheimnisvolles.
Bis heute rätseln Archäologen über ihre genaue Bedeutung, sicher ist jedoch, dass Newgrange über viele Jahrhunderte hinweg ein besonderer Ort geblieben sein muss.
Neben dem Grabhügel fällt eine Rekonstruktion eines frühchristlichen Trockensteinhauses ins Auge.

Die runde Bauweise erinnert an die berühmten „Beehive Huts“ Westirlands und zeigt, wie langlebig diese traditionelle Bauweise auf der Insel war. Sie spannte für uns wieder den Bogen zur Dingle-Halbinsel und den Klöstern auf Skelling Michel.
Resümee
Auch ohne die innere Kammer zu betreten, hinterließ Newgrange bei uns einen bleibenden Eindruck. Die Verbindung aus monumentaler Architektur, rätselhafter Symbolik und der besonderen Lage in der Landschaft macht verständlich, warum dieser Ort zu den bedeutendsten vorgeschichtlichen Monumenten Europas zählt. Und, wer weiß, vielleicht habe ich ja auch Glück bei der Verlosung eines Wintersonnewende-Tickets.
Hier geht es zu den Welterbestätten im UK und hier zu unserem Irland-Urlaub.

Schreibe eine Antwort