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Manifesta 16 Ruhr – „This is not a church“

Manifesta 16 Ruhr – Kirchen, Kunst und die Frage: Was will uns der Künstler damit sagen? [Link]

Eigentlich bin ich gerade auf Klöstertour [Link]. Ich fahre durch Deutschland, besuche ehemalige und noch aktive Klöster und stoße dabei immer wieder auf die Frage: Was geschieht mit einem sakralen Ort, wenn seine ursprüngliche Aufgabe verschwindet?

Manche Klöster wurden nach Reformation oder Säkularisation zu Schlössern, Schulen, Krankenhäusern oder Museen. Andere verschwanden ganz, einige blieben geistliche Orte. Und während ich mich mit ihrer Vergangenheit beschäftige, stellt sich diese Frage längst ganz aktuell für unsere Kirchen.

Genau deshalb passt die Manifesta 16 Ruhr eigentlich ganz gut in mein Projekt.

Die europäische Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst ist vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026 im Ruhrgebiet zu Gast. Unter dem Titel „This is not a church“ stehen zwölf Kirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum im Mittelpunkt. Einige werden noch als Gotteshäuser genutzt, andere sind bereits entwidmet oder stehen vor einer ungewissen Zukunft. Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit den Gebäuden, ihrer Geschichte – und mit der Frage, welche neuen Aufgaben solche Orte vielleicht einmal übernehmen könnten.

Für mich bedeutete das: drei heiße Tage lang keine weite Klostertour, sondern Exkursionen in meiner neuen Homezone.

Und bereits am ersten Tag fiel mir etwas auf, das mich ausgesprochen freute: Ich war nicht allein auf dieser Runde.

Auch an Kirchen, die etwas versteckt in Wohnvierteln liegen und an denen man normalerweise vermutlich einfach vorbeifahren würde, traf ich erstaunlich viele Menschen. Sie waren ganz bewusst wegen der Manifesta gekommen, liefen durch die Räume, blieben vor Installationen stehen, hörten zu, probierten Dinge aus – und diskutierten miteinander.

Vielleicht funktioniert damit schon ein Teil dessen, worum es hier geht: Kirchen werden wieder zu Orten, an denen Menschen zusammenkommen.

Allerdings muss ich etwas gestehen. Ich interessiere mich durchaus für Kunst. Aber ich bin keine Kennerin zeitgenössischer Kunst. Und so begleitete mich auf meiner Runde eine Frage, mit der ich vermutlich nicht ganz allein bin: Was will uns der Künstler damit sagen?

Manches erschloss sich mir unmittelbar. Bei anderem dachte ich mir etwas völlig anderes als das, was der Künstler offenbar im Sinn hatte. Und manchmal stand ich schlicht davor und verstand gar nichts.

Also habe ich es irgendwann einfach so gehalten: erst schauen, hören und wirken lassen – und dann nachlesen, was eigentlich dahintersteckt.

Los geht es mit Duisburg und Essen.

Meine Manifesta-Runde begann mitten in Duisburg. Und rückblickend hatte ich mir damit gleich ziemlich schwere Kost für den Einstieg ausgesucht.

Vor der Liebfrauenkirche plätschert ein Springbrunnen, Blumen bringen Farbe auf den Platz.

Dahinter erhebt sich ein moderner, kantiger Betonbau.

Die Liebfrauenkirche entstand zwischen 1958 und 1971 nach Plänen des Duisburger Architekten Toni Hermanns und gilt heute als bedeutendes Beispiel der Kirchenarchitektur der Nachkriegsmoderne. Ungewöhnlich ist ihr zweigeschossiger Aufbau. Einige Bereiche werden weiterhin für Gottesdienste genutzt, während die Oberkirche heute als Kunst- und Kulturort dient. Sie ist damit nur teilweise profaniert, wie es korrekt heißt.

Schon beim Betreten der Oberkirche verändert sich die Stimmung.

Es ist dunkel. Glas, Beton und Metall bestimmen den Raum. Dazwischen stehen Rohre und technische Konstruktionen. Dazu kommen tiefe, dumpfe Töne und immer wieder Glockenklänge.

Auf mich wirkt diese Klangwelt nicht beruhigend oder meditativ. Sie ist schwer, manchmal beinahe bedrückend und stellenweise sogar bedrohlich. Und da ist sie zum ersten Mal, die Frage: Was will uns der Künstler damit sagen?

Die Klänge gehören zu Abbas Zahedis Installation „Ouranophobia 47051“. Ausgangspunkt ist die große schwarze Breil-Orgel von 1964, die noch immer hoch über dem Kirchenraum steht. Sie ist seit Jahren defekt, Pfeifen fehlen oder sind beschädigt. Zahedi sieht in dieser verstummten Orgel auch ein Symbol für etwas, das verschwunden ist: gemeinschaftlicher Glauben und gemeinsames Erleben.

Seine Antwort darauf steht unten im Kirchenraum. Aus „verwaisten“ Pfeifen stillgelegter und beschädigter Orgeln hat er ein neues Instrument geschaffen. Aber anders als die alte Orgel oben auf der Empore steht bzw. liegt dieses unten – mitten zwischen den Besuchern. Erst beim Nachlesen verstehe ich die Idee. Der Klang, der früher von oben zur Gemeinde kam, wird heruntergeholt auf die Ebene. Wir hören nicht nur zu, sondern stehen mittendrin. Meine erste Empfindung verändert das allerdings nicht. Die tiefen Töne bleiben für mich schwer, teilweise fast bedrohlich. Aber nun höre ich anders zu.

In den Nischen leuchten alte, beim Umbau des Duisburger Hauptbahnhofs gerettete Fensterscheiben: Emil Waldes „Passing By“ bringt damit ein Stück Stadtgeschichte in die Kirche.

Und vielleicht war es doch ein guter Einstieg in meine Tour: Ich muss nicht schon beim Betreten einer Kirche wissen, was ein Künstler sich gedacht hat. Ich darf erst einmal schauen, hören und mich wundern – und hinterher feststellen, dass manches plötzlich Sinn ergibt.

Von Duisburg geht es weiter nach Essen. Gleich drei Kirchen sind hier Teil der Manifesta – und obwohl sie alle irgendwie um ihre Zukunft kreisen, könnten sie kaum unterschiedlicher sein.

Meine erste Station ist die Markuskirche in Essen-Frohnhausen. Die evangelische Kirche wurde zwischen 1961 und 1963 nach Plänen von Wolfgang Müller-Zantop und Heinz Kahlenborn errichtet. Kirche, Gemeindezentrum und Kindergarten bilden ein gemeinsames Ensemble. Etwas abgesetzt steht der hohe Glockenturm, der die umliegende Bebauung deutlich überragt. Die Markuskirche ist noch geweiht und wird als Kirche genutzt.

Innen wirkt sie auf den ersten Blick fast leer. Besonders fallen mir die blau und violett gemusterten Fenster auf. Zusammen mit der hölzernen Dachkonstruktion entsteht bei mir sofort eine Assoziation mit Wasser. Und dann schwebt da dieses riesige Gebilde unter der Decke. Für mich ist die Sache zunächst ziemlich eindeutig: Ein riesiger Fisch.

Nur – es ist gar keiner. Die portugiesische Künstlerin Sara Bichão hat für „She has been here before, but when or how I cannot tell“ Materialien und Gegenstände verwendet, die sie in den Nebenräumen der Kirche fand. Ihre Skulpturen erinnern häufig an Boote, Flugzeuge oder andere Gefäße. Auch dieses Wesen ist bewusst uneindeutig. Es soll sich wohl als Bild für die Kirche stehen: ein Gefäß, das Erinnerungen und Dinge aus seiner Vergangenheit mitnimmt und gleichzeitig eine ungewisse Zukunft hat.

Mein Fisch darf für mich trotzdem ein Fisch bleiben. Und die Vorstellung eines Schiffes passt gut zu diesem Ort. Die Kirche macht nämlich sogar Geräusche wie eines. Die Künstlerin Lilli Lake bemerkte das Knarren der hölzernen Dachkonstruktion und fühlte sich dabei an ein Boot im Seegang erinnert. Statt dieses Geräusch einfach als Eigenart eines älter werdenden Gebäudes hinzunehmen, machte sie daraus „Rhythm looks for two“. Sie suchte die Stellen, an denen die Konstruktion besonders deutlich arbeitet, markierte sie mit Kupfer und verstärkte die Geräusche mit Mikrofonen. Plötzlich hat die Kirche so eine eigene Stimme bekommen. Das Knarren verändert sich mit Wetter und Temperatur und ist genauso wenig vorhersehbar wie die Zukunft des Gebäudes.

Und auch draußen taucht das Schiff wieder auf. Das PELE Collective entwickelte gemeinsam mit Menschen aus der Umgebung „Arca“ – die Arche. Sie soll Treffpunkt für die Nachbarschaft sein und bewahrt unter anderem Pflanzen aus den umliegenden Kleingärten. Vielleicht liegt hier schon eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Zukunft solcher Kirchen: Sie müssen nicht genauso weiterbestehen wie bisher, um weiterhin Menschen zusammenzubringen.

Fast mitten im Essener Zentrum liegt meine nächste Station: St. Gertrud.

Anders als die Nachkriegskirchen meiner bisherigen Runde reicht ihre Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die ursprüngliche Kirche wurde 1877 errichtet, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1955 unter Emil Jung in vereinfachter Form wiederaufgebaut. Heute befindet sich St. Gertrud wieder in einem Umbruch. Im Juni 2025 wurde hier der letzte Gottesdienst gehalten. Die Kirche wird zu einem Ort für Kunst, Kultur und Bildung weiterentwickelt, und die Hochschule der bildenden Künste Essen nutzt bereits Teile des Gebäudekomplexes.

Schon vor dem Eingang ist kaum zu übersehen, dass hier inzwischen die Kunst eingezogen ist: Halil Altınderes „Security Tree“ besteht aus einem 4,50 Meter hohen künstlichen Baum mit 60 Überwachungskameras – interessant -Überwachungstechnik bekommt hier die Gestalt von etwas Natürlichem.

Auch im Foyer bleibe ich kurz hängen. Drei große Halbkugeln mit auffälligen Händen, Bildern und Gravuren gehören zu Donja Nasseris „Mad Dogs“. Erst beim Nachlesen wird klar, dass die Arbeit auf problematische historische Darstellungen arabischer Menschen und koloniale Bildwelten verweist. Ganz schön viel Hintergrund für drei Objekte, an denen ich zunächst einfach wegen ihrer ansprechenden Form stehen geblieben bin.

Dann öffnet sich der eigentliche Kirchenraum. Trotz aller Kunst fühlt sich St. Gertrud beim Betreten noch sehr nach Kirche an. Der Raum ist hell. Farbige Fenster werfen Licht hinein, die Orgel ist noch vorhanden und auch andere Teile der früheren Ausstattung sind erhalten. Dazu kommen angenehme Klänge. Nach der Dunkelheit und den schweren Tönen in Duisburg empfinde ich diesen Ort beinahe als wohltuend.

Vor dem Altar stehen allerdings merkwürdige hölzerne Gebilde. Und wieder: Was will uns der Künstler damit sagen?

Ich muss also nachlesen. „Elevation“ von Nasan Tur beschäftigt sich mit einem Möbelstück, das in einer Kirche so selbstverständlich ist, dass man ihm normalerweise kaum Beachtung schenkt: der Kirchenbank. Dort sitzt die Gemeinde und hört zu. Für seine Arbeit sammelt Tur Gedanken, Hoffnungen, Sorgen, Verletzungen und Wünsche von Menschen und lässt sie in Kirchenbänke einschreiben und schnitzen. Gleichzeitig löst er die Bänke aus ihrer gewohnten Position und richtet sie auf. Aus dem stillen Zuhören wird ein Archiv der Gefühle. Oder, wie es mir dann durch den Kopf geht: Ausgerechnet die Kirchenbänke, auf denen Menschen still zuhörten, beginnen selbst zu sprechen. St. Gertrud scheint mir dafür ein ziemlich passender Ort zu sein. Denn hier wird die Zukunft, über die an anderen Stellen noch nachgedacht wird, bereits ein Stück weit Realität.

In der blauen Kapelle entdecke ich schließlich sogar ein riesiges „Thermometer“: Pravdoliub Ivanov hat das hohe Buntglasfenster für „Fever“ um eine Messskala ergänzt – 37,6 Grad, leichtes Fieber. Ein Zustand, der sich verschlimmern, aber auch Zeichen beginnender Genesung sein kann. Was hier eigentlich Fieber hat – ein Mensch, die Gesellschaft oder vielleicht sogar der Ort selbst –, lässt der Künstler offen. Gerade bei einer Kirche im Umbruch ein ziemlich passendes Bild.

Meine letzte Station des Tages führt mich in den Norden Essens nach Karnap. St. Marien versteckt sich etwas in einem Wohngebiet. Die ehemalige katholische Kirche wurde zwischen 1961 und 1963 nach Plänen des Kölner Architekten Hans Schilling errichtet.

Der dunkle Backstein und die hohen Proportionen des Altarraums erinnern nicht zufällig ein wenig an Industriearchitektur. Sie nehmen Bezug auf die Malakow-Türme des frühen Bergbaus – eine Kirche also, die ziemlich deutlich im Ruhrgebiet zu Hause ist. Heute ist St. Marien außer Dienst.

Und schon vor dem Eingang wartet die erste Irritation. Hohe Gebilde aus umgedrehten, miteinander verbundenen Einkaufskörben stehen dort wie merkwürdige Türme. Evita Vasiļjevas „Third Place“ kombiniert sie mit Beton und farbigem Plexiglas. Für mich sehen sie ein bisschen nach Architektur im Rohbau aus – oder vielleicht auch nach etwas, das gerade wieder zerfällt.

Der Titel wird erst beim Nachlesen interessant. „Third Places“ sind Orte – neben „first“ Zuhause und „second“ Arbeitsplatz, an denen sich Menschen treffen und zusammen sind.

Und damit stehe ich eigentlich schon wieder mitten in der Frage, die mich durch diese Tour begleitet: Könnte eine Kirche, die nicht mehr Kirche ist, genau so ein Ort werden?

Drinnen wartet die nächste Überraschung. Auf dem Boden liegen Pflanzenmaterial, Papier, Geschirr und Luftschlangen, Kirchenmöbel sind verschoben und aufgestapelt. Im ersten Moment sieht es fast so aus, als wäre hier gerade ein großes Fest zu Ende gegangen und niemand hätte aufgeräumt. Was davon wie zusammengehört und was mir die Künstler damit sagen wollen? Ganz verstanden habe ich es nicht. Und diesmal lasse ich das einfach so stehen.

Stattdessen zieht mich etwas anderes an: Dort, wo früher die Orgel stand, hängen heute 144 Metallröhren aus Aluminium, Stahl, Messing und Kupfer. William Engelens Installation heißt „Variation on Godspeed in 4/4 Time“.

Und die Besucher dürfen selbst Klänge erzeugen. Das lassen sie sich nicht zweimal sagen. Es wird ausprobiert, angeschlagen, zugehört. Wo früher ein Organist die Orgel spielte und die Gemeinde lauschte, bringen nun die Besucher selbst den ehemaligen Kirchenraum zum Klingen. Vielleicht gefällt mir diese Arbeit gerade deshalb. Denn wieder verändert sich die Rollenverteilung – und wieder sind es die Menschen, die einen eigentlich still gewordenen Kirchenraum mit Leben füllen.

Am Ende meines ersten Tages habe ich vier Kirchen gesehen – und keine fühlte sich an wie die andere. Duisburg war für mich dunkel, schwer und teilweise bedrückend. Die Markuskirche in Frohnhausen wurde zu einem Schiff, das knarrend einer noch ungewissen Zukunft entgegenfährt. St. Gertrud fühlte sich nach gelingendem Übergang an und St. Marien hinterließ bei mir das stärkste Gefühl von Abschied und gleichzeitig die Frage: Was kann danach kommen?

Aber etwas verband alle vier Orte – Interessierte Besucher waren da. Sie kamen nicht zum Gottesdienst. Sie schauten, hörten, probierten aus und diskutierten miteinander. Und vermutlich standen einige von ihnen genau wie ich irgendwann vor einer Installation und dachten: Was will uns der Künstler damit sagen?

Vielleicht muss man darauf gar nicht immer sofort eine Antwort haben. Denn während wir darüber nachdenken und miteinander reden, geschieht in diesen Kirchen bereits etwas, das über Jahrhunderte zu ihren wichtigsten Aufgaben gehörte: Menschen kommen zusammen. Eine schöne Idee! [Video}

Und meine Manifesta-Tour hat gerade erst begonnen. Bleibt gerne dabei, wenn es wieder los geht!

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