Von Kirchen, Kunst und der Frage: Was will uns der Künstler damit sagen?
Manifesta 16 Ruhr – Kirchen, Kunst und die Frage: Was will uns der Künstler damit sagen? [Link]
Eigentlich bin ich gerade auf Klöstertour [Link]. Ich fahre durch Deutschland, besuche ehemalige und noch aktive Klöster und stoße dabei immer wieder auf die Frage: Was geschieht mit einem sakralen Ort, wenn seine ursprüngliche Aufgabe verschwindet?
Manche Klöster wurden nach Reformation oder Säkularisation zu Schlössern, Schulen, Krankenhäusern oder Museen. Andere verschwanden ganz, einige blieben geistliche Orte. Und während ich mich mit ihrer Vergangenheit beschäftige, stellt sich diese Frage längst ganz aktuell für unsere Kirchen.
Genau deshalb passt die Manifesta 16 Ruhr eigentlich ganz gut in mein Projekt.
Die europäische Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst ist vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026 im Ruhrgebiet zu Gast. Unter dem Titel „This is not a church“ stehen zwölf Kirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum im Mittelpunkt. Einige werden noch als Gotteshäuser genutzt, andere sind bereits entwidmet oder stehen vor einer ungewissen Zukunft. Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit den Gebäuden, ihrer Geschichte – und mit der Frage, welche neuen Aufgaben solche Orte vielleicht einmal übernehmen könnten.
Für mich bedeutete das: drei heiße Tage lang keine weite Klostertour, sondern Exkursionen in meiner neuen Homezone.
Und bereits am ersten Tag fiel mir etwas auf, das mich ausgesprochen freute: Ich war nicht allein auf dieser Runde.
Auch an Kirchen, die etwas versteckt in Wohnvierteln liegen und an denen man normalerweise vermutlich einfach vorbeifahren würde, traf ich erstaunlich viele Menschen. Sie waren ganz bewusst wegen der Manifesta gekommen, liefen durch die Räume, blieben vor Installationen stehen, hörten zu, probierten Dinge aus – und diskutierten miteinander.
Vielleicht funktioniert damit schon ein Teil dessen, worum es hier geht: Kirchen werden wieder zu Orten, an denen Menschen zusammenkommen.
Allerdings muss ich etwas gestehen. Ich interessiere mich durchaus für Kunst. Aber ich bin keine Kennerin zeitgenössischer Kunst. Und so begleitete mich auf meiner Runde eine Frage, mit der ich vermutlich nicht ganz allein bin: Was will uns der Künstler damit sagen?
Manches erschloss sich mir unmittelbar. Bei anderem dachte ich mir etwas völlig anderes als das, was der Künstler offenbar im Sinn hatte. Und manchmal stand ich schlicht davor und verstand gar nichts.
Also habe ich es irgendwann einfach so gehalten: erst schauen, hören und wirken lassen – und dann nachlesen, was eigentlich dahintersteckt.
Los geht es mit Duisburg und Essen.
Duisburg – schwere Kost zum Auftakt
Kulturkirche Liebfrauen
Meine Manifesta-Runde begann mitten in Duisburg. Und rückblickend hatte ich mir damit gleich ziemlich schwere Kost für den Einstieg ausgesucht.


Vor der Liebfrauenkirche plätschert ein Springbrunnen, Blumen bringen Farbe auf den Platz.
Dahinter erhebt sich ein moderner, kantiger Betonbau.

Die Liebfrauenkirche entstand zwischen 1958 und 1971 nach Plänen des Duisburger Architekten Toni Hermanns und gilt heute als bedeutendes Beispiel der Kirchenarchitektur der Nachkriegsmoderne. Ungewöhnlich ist ihr zweigeschossiger Aufbau. Einige Bereiche werden weiterhin für Gottesdienste genutzt, während die Oberkirche heute als Kunst- und Kulturort dient. Sie ist damit nur teilweise profaniert, wie es korrekt heißt.




Schon beim Betreten der Oberkirche verändert sich die Stimmung.
Es ist dunkel. Glas, Beton und Metall bestimmen den Raum. Dazwischen stehen Rohre und technische Konstruktionen. Dazu kommen tiefe, dumpfe Töne und immer wieder Glockenklänge.
Auf mich wirkt diese Klangwelt nicht beruhigend oder meditativ. Sie ist schwer, manchmal beinahe bedrückend und stellenweise sogar bedrohlich. Und da ist sie zum ersten Mal, die Frage: Was will uns der Künstler damit sagen?
Die Klänge gehören zu Abbas Zahedis Installation „Ouranophobia 47051“. Ausgangspunkt ist die große schwarze Breil-Orgel von 1964, die noch immer hoch über dem Kirchenraum steht. Sie ist seit Jahren defekt, Pfeifen fehlen oder sind beschädigt. Zahedi sieht in dieser verstummten Orgel auch ein Symbol für etwas, das verschwunden ist: gemeinschaftlicher Glauben und gemeinsames Erleben.






Seine Antwort darauf steht unten im Kirchenraum. Aus „verwaisten“ Pfeifen stillgelegter und beschädigter Orgeln hat er ein neues Instrument geschaffen. Aber anders als die alte Orgel oben auf der Empore steht bzw. liegt dieses unten – mitten zwischen den Besuchern. Erst beim Nachlesen verstehe ich die Idee. Der Klang, der früher von oben zur Gemeinde kam, wird heruntergeholt auf die Ebene. Wir hören nicht nur zu, sondern stehen mittendrin. Meine erste Empfindung verändert das allerdings nicht. Die tiefen Töne bleiben für mich schwer, teilweise fast bedrohlich. Aber nun höre ich anders zu.


In den Nischen leuchten alte, beim Umbau des Duisburger Hauptbahnhofs gerettete Fensterscheiben: Emil Waldes „Passing By“ bringt damit ein Stück Stadtgeschichte in die Kirche.
Und vielleicht war es doch ein guter Einstieg in meine Tour: Ich muss nicht schon beim Betreten einer Kirche wissen, was ein Künstler sich gedacht hat. Ich darf erst einmal schauen, hören und mich wundern – und hinterher feststellen, dass manches plötzlich Sinn ergibt.
Essen – drei Kirchen, drei völlig unterschiedliche Erlebnisse
Von Duisburg geht es weiter nach Essen. Gleich drei Kirchen sind hier Teil der Manifesta – und obwohl sie alle irgendwie um ihre Zukunft kreisen, könnten sie kaum unterschiedlicher sein.
Frohnhausen – die Markuskirche wird zum Schiff
Meine erste Station ist die Markuskirche in Essen-Frohnhausen. Die evangelische Kirche wurde zwischen 1961 und 1963 nach Plänen von Wolfgang Müller-Zantop und Heinz Kahlenborn errichtet. Kirche, Gemeindezentrum und Kindergarten bilden ein gemeinsames Ensemble. Etwas abgesetzt steht der hohe Glockenturm, der die umliegende Bebauung deutlich überragt. Die Markuskirche ist noch geweiht und wird als Kirche genutzt.



Innen wirkt sie auf den ersten Blick fast leer. Besonders fallen mir die blau und violett gemusterten Fenster auf. Zusammen mit der hölzernen Dachkonstruktion entsteht bei mir sofort eine Assoziation mit Wasser. Und dann schwebt da dieses riesige Gebilde unter der Decke. Für mich ist die Sache zunächst ziemlich eindeutig: Ein riesiger Fisch.
Nur – es ist gar keiner. Die portugiesische Künstlerin Sara Bichão hat für „She has been here before, but when or how I cannot tell“ Materialien und Gegenstände verwendet, die sie in den Nebenräumen der Kirche fand. Ihre Skulpturen erinnern häufig an Boote, Flugzeuge oder andere Gefäße. Auch dieses Wesen ist bewusst uneindeutig. Es soll sich wohl als Bild für die Kirche stehen: ein Gefäß, das Erinnerungen und Dinge aus seiner Vergangenheit mitnimmt und gleichzeitig eine ungewisse Zukunft hat.





Mein Fisch darf für mich trotzdem ein Fisch bleiben. Und die Vorstellung eines Schiffes passt gut zu diesem Ort. Die Kirche macht nämlich sogar Geräusche wie eines. Die Künstlerin Lilli Lake bemerkte das Knarren der hölzernen Dachkonstruktion und fühlte sich dabei an ein Boot im Seegang erinnert. Statt dieses Geräusch einfach als Eigenart eines älter werdenden Gebäudes hinzunehmen, machte sie daraus „Rhythm looks for two“. Sie suchte die Stellen, an denen die Konstruktion besonders deutlich arbeitet, markierte sie mit Kupfer und verstärkte die Geräusche mit Mikrofonen. Plötzlich hat die Kirche so eine eigene Stimme bekommen. Das Knarren verändert sich mit Wetter und Temperatur und ist genauso wenig vorhersehbar wie die Zukunft des Gebäudes.
Und auch draußen taucht das Schiff wieder auf. Das PELE Collective entwickelte gemeinsam mit Menschen aus der Umgebung „Arca“ – die Arche. Sie soll Treffpunkt für die Nachbarschaft sein und bewahrt unter anderem Pflanzen aus den umliegenden Kleingärten. Vielleicht liegt hier schon eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Zukunft solcher Kirchen: Sie müssen nicht genauso weiterbestehen wie bisher, um weiterhin Menschen zusammenzubringen.
St. Gertrud – wenn Kirchenbänke zu sprechen beginnen
Fast mitten im Essener Zentrum liegt meine nächste Station: St. Gertrud.
Anders als die Nachkriegskirchen meiner bisherigen Runde reicht ihre Geschichte bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die ursprüngliche Kirche wurde 1877 errichtet, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1955 unter Emil Jung in vereinfachter Form wiederaufgebaut. Heute befindet sich St. Gertrud wieder in einem Umbruch. Im Juni 2025 wurde hier der letzte Gottesdienst gehalten. Die Kirche wird zu einem Ort für Kunst, Kultur und Bildung weiterentwickelt, und die Hochschule der bildenden Künste Essen nutzt bereits Teile des Gebäudekomplexes.





Schon vor dem Eingang ist kaum zu übersehen, dass hier inzwischen die Kunst eingezogen ist: Halil Altınderes „Security Tree“ besteht aus einem 4,50 Meter hohen künstlichen Baum mit 60 Überwachungskameras – interessant -Überwachungstechnik bekommt hier die Gestalt von etwas Natürlichem.
Auch im Foyer bleibe ich kurz hängen. Drei große Halbkugeln mit auffälligen Händen, Bildern und Gravuren gehören zu Donja Nasseris „Mad Dogs“. Erst beim Nachlesen wird klar, dass die Arbeit auf problematische historische Darstellungen arabischer Menschen und koloniale Bildwelten verweist. Ganz schön viel Hintergrund für drei Objekte, an denen ich zunächst einfach wegen ihrer ansprechenden Form stehen geblieben bin.



Dann öffnet sich der eigentliche Kirchenraum. Trotz aller Kunst fühlt sich St. Gertrud beim Betreten noch sehr nach Kirche an. Der Raum ist hell. Farbige Fenster werfen Licht hinein, die Orgel ist noch vorhanden und auch andere Teile der früheren Ausstattung sind erhalten. Dazu kommen angenehme Klänge. Nach der Dunkelheit und den schweren Tönen in Duisburg empfinde ich diesen Ort beinahe als wohltuend.
Vor dem Altar stehen allerdings merkwürdige hölzerne Gebilde. Und wieder: Was will uns der Künstler damit sagen?




Ich muss also nachlesen. „Elevation“ von Nasan Tur beschäftigt sich mit einem Möbelstück, das in einer Kirche so selbstverständlich ist, dass man ihm normalerweise kaum Beachtung schenkt: der Kirchenbank. Dort sitzt die Gemeinde und hört zu. Für seine Arbeit sammelt Tur Gedanken, Hoffnungen, Sorgen, Verletzungen und Wünsche von Menschen und lässt sie in Kirchenbänke einschreiben und schnitzen. Gleichzeitig löst er die Bänke aus ihrer gewohnten Position und richtet sie auf. Aus dem stillen Zuhören wird ein Archiv der Gefühle. Oder, wie es mir dann durch den Kopf geht: Ausgerechnet die Kirchenbänke, auf denen Menschen still zuhörten, beginnen selbst zu sprechen. St. Gertrud scheint mir dafür ein ziemlich passender Ort zu sein. Denn hier wird die Zukunft, über die an anderen Stellen noch nachgedacht wird, bereits ein Stück weit Realität.
In der blauen Kapelle entdecke ich schließlich sogar ein riesiges „Thermometer“: Pravdoliub Ivanov hat das hohe Buntglasfenster für „Fever“ um eine Messskala ergänzt – 37,6 Grad, leichtes Fieber. Ein Zustand, der sich verschlimmern, aber auch Zeichen beginnender Genesung sein kann. Was hier eigentlich Fieber hat – ein Mensch, die Gesellschaft oder vielleicht sogar der Ort selbst –, lässt der Künstler offen. Gerade bei einer Kirche im Umbruch ein ziemlich passendes Bild.

St. Marien in Karnap – zwischen Fest und Abschied
Meine letzte Station des Tages führt mich in den Norden Essens nach Karnap. St. Marien versteckt sich etwas in einem Wohngebiet. Die ehemalige katholische Kirche wurde zwischen 1961 und 1963 nach Plänen des Kölner Architekten Hans Schilling errichtet.
Der dunkle Backstein und die hohen Proportionen des Altarraums erinnern nicht zufällig ein wenig an Industriearchitektur. Sie nehmen Bezug auf die Malakow-Türme des frühen Bergbaus – eine Kirche also, die ziemlich deutlich im Ruhrgebiet zu Hause ist. Heute ist St. Marien außer Dienst.


Und schon vor dem Eingang wartet die erste Irritation. Hohe Gebilde aus umgedrehten, miteinander verbundenen Einkaufskörben stehen dort wie merkwürdige Türme. Evita Vasiļjevas „Third Place“ kombiniert sie mit Beton und farbigem Plexiglas. Für mich sehen sie ein bisschen nach Architektur im Rohbau aus – oder vielleicht auch nach etwas, das gerade wieder zerfällt.
Der Titel wird erst beim Nachlesen interessant. „Third Places“ sind Orte – neben „first“ Zuhause und „second“ Arbeitsplatz, an denen sich Menschen treffen und zusammen sind.
Und damit stehe ich eigentlich schon wieder mitten in der Frage, die mich durch diese Tour begleitet: Könnte eine Kirche, die nicht mehr Kirche ist, genau so ein Ort werden?
Drinnen wartet die nächste Überraschung. Auf dem Boden liegen Pflanzenmaterial, Papier, Geschirr und Luftschlangen, Kirchenmöbel sind verschoben und aufgestapelt. Im ersten Moment sieht es fast so aus, als wäre hier gerade ein großes Fest zu Ende gegangen und niemand hätte aufgeräumt. Was davon wie zusammengehört und was mir die Künstler damit sagen wollen? Ganz verstanden habe ich es nicht. Und diesmal lasse ich das einfach so stehen.






Stattdessen zieht mich etwas anderes an: Dort, wo früher die Orgel stand, hängen heute 144 Metallröhren aus Aluminium, Stahl, Messing und Kupfer. William Engelens Installation heißt „Variation on Godspeed in 4/4 Time“.

Und die Besucher dürfen selbst Klänge erzeugen. Das lassen sie sich nicht zweimal sagen. Es wird ausprobiert, angeschlagen, zugehört. Wo früher ein Organist die Orgel spielte und die Gemeinde lauschte, bringen nun die Besucher selbst den ehemaligen Kirchenraum zum Klingen. Vielleicht gefällt mir diese Arbeit gerade deshalb. Denn wieder verändert sich die Rollenverteilung – und wieder sind es die Menschen, die einen eigentlich still gewordenen Kirchenraum mit Leben füllen.
Vier Kirchen – und eine erste Antwort
Am Ende meines ersten Tages habe ich vier Kirchen gesehen – und keine fühlte sich an wie die andere. Duisburg war für mich dunkel, schwer und teilweise bedrückend. Die Markuskirche in Frohnhausen wurde zu einem Schiff, das knarrend einer noch ungewissen Zukunft entgegenfährt. St. Gertrud fühlte sich nach gelingendem Übergang an und St. Marien hinterließ bei mir das stärkste Gefühl von Abschied und gleichzeitig die Frage: Was kann danach kommen?
Aber etwas verband alle vier Orte – Interessierte Besucher waren da. Sie kamen nicht zum Gottesdienst. Sie schauten, hörten, probierten aus und diskutierten miteinander. Und vermutlich standen einige von ihnen genau wie ich irgendwann vor einer Installation und dachten: Was will uns der Künstler damit sagen?
Vielleicht muss man darauf gar nicht immer sofort eine Antwort haben. Denn während wir darüber nachdenken und miteinander reden, geschieht in diesen Kirchen bereits etwas, das über Jahrhunderte zu ihren wichtigsten Aufgaben gehörte: Menschen kommen zusammen. Eine schöne Idee! [Video]
Und meine Manifesta-Tour hat gerade erst begonnen. Bleibt gerne dabei, wenn es wieder los geht!
Bochum – zwischen Basketball, Erinnerung und Strukturwandel
Meine zweite Manifesta-Runde führt mich nach Bochum. Vier der zwölf Kirchen liegen hier – verteilt auf Stadtteile, die von Industriegeschichte, Migration und Strukturwandel geprägt sind. Heute spielt sogar das Wetter mit. Die Sonne scheint und das will ich ausnutzen, obwohl Kirchen im Regen ja durchaus ihren Reiz haben. Also geht es zunächst einmal quer durch Bochum bis nach Langendreer.
St. Ludgerus – wenn die Orgel Basketball spielt
St. Ludgerus liegt ziemlich weit draußen. Zwischen den zweigeschossigen Häuser wirkt die Kirche wie ein großer, kompakter Steinblock. 1966 wurde sie nach Plänen von Hans Joachim Lohmeyer errichtet. Ihre dreieckige Form, die klaren Linien und geometrischen Proportionen sind typisch für die moderne Kirchenarchitektur dieser Zeit. Geweiht ist St. Ludgerus bis heute, regelmäßig kirchlich genutzt wird sie allerdings nicht mehr.



Von außen lässt sich kaum erahnen, was mich drinnen erwartet. Ich öffne die Tür – und stehe vor einem Basketballfeld.
Durch die bunten Fenster fällt farbiges Licht in den Kirchenraum. Mitten in der Kirche ein Spielfeld, Körbe, dahinter große Metallflächen. Einige Kinder spielen Ball, zwei Erwachsene zielen auf die Körbe und die Omas schauen vom Rand aus zu. – Und dann trifft ein Ball. Die Orgel erklingt.
Spätestens jetzt haben alle ihren Spaß. Die Erwachsenen versuchen gezielt, die Metallflächen zu treffen, freuen sich über jeden erzeugten Ton und die Kinder lachen.




So viel Spaß und Lebensfreude habe ich lange nicht in einer Kirche erlebt.
Natürlich kommt trotzdem wieder meine inzwischen obligatorische Frage: Was will uns der Künstler damit sagen?
Die Installation „FAIL LOUDER“ stammt vom Kollektiv CaboSanRoque gemeinsam mit FLEXO ARQUITECTURA – und ausgerechnet der Fehler spielt dabei die Hauptrolle. Es geht nicht darum, möglichst viele Punkte zu machen, danebentreffen ist erlaubt und sogar erwünscht. Erfolg bleibt still, Fehler erzeugen Geräusche. Und für mich eigentlich der Hauptpunkt – Das Spiel bringt die verstummte Kirchenorgel wieder zum Klingen.
Beim Nachlesen die Bestätigung: Ein Kirchenraum, dessen ursprüngliche Nutzung weitgehend verschwunden ist, wird plötzlich wieder belebt und laut. Nicht durch einen Gottesdienst, sondern durch Bälle, Bewegung, Lachen und Menschen, die gemeinsam etwas ausprobieren.
Nach meinem ersten Manifesta-Tag hatte ich festgestellt, dass Kirchen vielleicht auch künftig Orte sein können, an denen Menschen zusammenkommen. Hier in Langendreer passiert genau das gerade vor meinen Augen. Und offensichtlich kann es dabei sogar ziemlich lustig zugehen.
Christ-König – von der Lebensfreude zur schweren Kost
Meine nächste Station könnte kaum gegensätzlicher sein.
Schon von der U-Bahn aus sehe ich Christ-König als deutlich erkennbares Kirchengebäude. Die Sonne scheint – und vor dem Eingang begrüßt mich eine Madonna.


Allerdings eine ziemlich ungewöhnliche. Die „Madonna“ von Mirosław Bałka besteht aus einem Stahlgerüst, das mit Kohle gefüllt ist. Kohle – das passt natürlich zum Ruhrgebiet.
Beim Nachlesen entdecke ich aber noch eine zweite Ebene: Bałka erinnert damit auch an Generationen polnischer Arbeiter, die ins Revier kamen, ebenso wie an Menschen, die zur Zwangsarbeit hierhergebracht wurden und verbindet damit Religion und Industriegeschichte.
Drinnen vergeht mir die Leichtigkeit aus St. Ludgerus ziemlich schnell.
Christ-König wurde 1932 nach Plänen von Franz Schneider errichtet. Sie ist die Rekonstruktion einer ursprünglich für ein Franziskanerkloster gebauten Kirche; ihre schlichte Architektur sollte dem franziskanischen Armutsideal entsprechen. 1998 wurde die Kirche geschlossen und später zum Kulturort. Heute sind hier gleich 15 künstlerische Positionen versammelt. Und einige davon empfinde ich als ausgesprochen verstörend.
Vor allem die riesigen, leblos am Boden liegenden Vögel bleiben mir im Gedächtnis. Sie gehören zu Eva Koťátkovás „When Animals Fall from the Sky“. Wenn plötzlich viele Vögel vom Himmel fallen, ist das ein Warnsignal: Irgendetwas stimmt nicht. Aber wie groß die Gefahr ist und wie viel Zeit noch bleibt, weiß niemand. Ein ziemlich unbehagliches Bild.



Noch bedrückender sind für mich menschliche Figuren, die wie plattgedrückt oder zerstört am Boden liegen.
Erst beim Nachlesen erfahre ich ihre Geschichte – und danach wirken sie noch einmal anders. Die Roma-Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas erinnert damit an 29 Roma, darunter mehr als 20 Kinder, die 1942 im polnischen Borzęcin Dolny ermordet wurden. Jahrzehnte später errichtete sie am Ort des Massakers ein Denkmal mit Figuren sterbender Menschen. 2016 wurde dieses Denkmal von Unbekannten zerstört. Aus seinen Fragmenten entstanden die Wachsskulpturen, die nun vor mir liegen.
Spätestens hier ist von der ausgelassenen Stimmung meiner ersten Bochumer Kirche nichts mehr übrig.
Andere Arbeiten erschließen sich mir dagegen überhaupt erst, nachdem ich die Erläuterungen lese. Dazu gehört „KINO“ von Luc Tuymans. Ausgangspunkt ist Leni Riefenstahls Propagandafilm Triumph des Willens. Tuymans beschäftigt sich damit, wie der Nationalsozialismus Bilder und Inszenierungen nutzte, um Macht zu erzeugen. Die bekannten Symbole verschwinden, das aggressive Rot wird durch Blau ersetzt.

Ganz ehrlich: Ohne die Erklärung hätte ich diesen Zusammenhang nicht erkannt. Und genau das gehört für mich inzwischen genauso zur Manifesta wie die Werke, die mich unmittelbar treffen. Manche lösen schon beim ersten Blick etwas aus. Andere beginnen erst zu sprechen, wenn ich ihre Geschichte kenne.
Auch die Industriegeschichte des Ruhrgebiets taucht in Christ-König wieder auf.
Niklas Goldbach beschäftigt sich in „For the Ages“ mit dem, was nach dem Bergbau bleibt. Denn auch wenn längst keine Kohle mehr gefördert wird, ist die Arbeit unter Tage nicht einfach vorbei. Wasser muss dauerhaft abgepumpt und der Untergrund überwacht werden – sogenannte Ewigkeitsaufgaben. Das industrielle Ruhrgebiet ist verschwunden und trotzdem noch da.

Christ-König ist für mich damit die bedrückendste Station meiner Bochumer Runde. Nach den leblosen Vögeln, den zerstörten Körpern und all den Geschichten dahinter trete ich jedenfalls erst einmal wieder hinaus in den Sonnenschein, gehe zur U-Bahn – und bin ganz froh über Licht und frische Luft.
Gethsemane – eine Kirche aus den Trümmern
Mit der U-Bahn geht es weiter zur Gethsemane-Kirche. Wieder bin ich in einem Bochumer Wohnviertel. Und diesmal muss ich tatsächlich ein wenig suchen. Die Kirche liegt hinter einem anderen Gebäude und ist erst beim genaueren Hinsehen als solche zu erkennen. Ohne die Manifesta-Pfeile wäre ich vermutlich daran vorbeigelaufen.




Dabei ist schon das Gebäude allein einen Besuch wert. Die Gethsemane-Kirche wurde zwischen 1947 und 1950 nach Plänen von Otto Bartning errichtet und gehört zu seinen sogenannten Not- oder Pantoffelkirchen. Bartning kombinierte eine vorgefertigte Holzkonstruktion mit Materialien, die vor Ort vorhanden waren, z.B. Trümmersteine zerstörter Gebäude. So entstand eine vergleichsweise einfache Kirche, die trotzdem erstaunlich warm wirkt. Eine, die davon erzählt, mit dem Vorhandenen etwas Neues zu schaffen. Eigentlich ein ziemlich passender Manifesta-Ort.
Bei der Kunst im Inneren bin ich dagegen wieder an meinem inzwischen vertrauten Punkt: Was will uns der Künstler damit sagen? „Willkommen“ begegnet mir in verschiedenen Sprachen, ebenso das Wort „Heimat“. Das verstehe ich noch als Gedanken zu Zugehörigkeit, Ankommen und vielleicht auch Migration. Bei anderem bleibt mir der Zugang verschlossen. Und das darf diesmal ruhig so bleiben.








Mein persönlicher Favorit wartet ohnehin draußen. Vor der Kirche steht eine riesige aufblasbare Glocke. Marina Naprushkinas „Kein Geläut“ sieht auf den ersten Blick tatsächlich eher nach Hüpfburg als nach ernster Kunst aus.
In der Geschichte dahinter lese ich: Vor dem Krieg besaß die Vorgängerkirche eine Stahlglocke des Bochumer Vereins – also genau jener Industrie, die die Stadt über Jahrzehnte prägte. Naprushkina macht aus diesem schweren Symbol etwas Leichteres: eine begehbare, aufblasbare Glocke mit der Aufschrift „We’ll never go back!“ Das Hüpfen bekommt damit eine zweite Bedeutung. Man hebt ab, landet wieder, hebt erneut ab – ein ständiger Schwebezustand zwischen Halt und Loslassen. Genau darum geht es Marina Naprushkina: um die oft unsichere Situation von Menschen mit Migrationsgeschichte, um Ankommen und die Frage, ob man irgendwann wirklich festen Boden unter den Füßen hat. Der Schriftzug „We’ll never go back!“ gibt der scheinbar so spielerischen Hüpfburg dabei eine ziemlich aktuelle politische Note. Manchmal braucht es bei moderner Kunst eben doch den zweiten Blick.
St. Anna – Geschichten aus einem Arbeiterquartier
Eine Bochumer Kirche fehlt mir noch: St. Anna in Goldhamme. Der Blick auf die Verbindung sagt: Zu Fuß bin ich fast genauso schnell wie mit Bus und Bahn. Also los. Rund 30 Minuten später stehe ich vor meiner vierten Bochumer Manifesta-Kirche. Diesmal sieht sie wieder ziemlich eindeutig nach Kirche aus.
St. Anna wurde 1929 nach Plänen von Wilhelm Peter errichtet. Dunkler Stein, ein kantiger Turm, eine eher zurückhaltende Architektur. Sie steht mitten in Goldhamme – einem Stadtteil, dessen Geschichte eng mit Industrie und Arbeiterschaft verbunden ist.
Vor dem Eingang fallen mir bereits ungewöhnliche Objekte auf: zwei gelbe „Augen“ und eine spiegelnde Halbkugel.



Innen ist die Kirche vergleichsweise sparsam eingerichtet – mitten im Kirchenschiff steht eine große weiße Wand mit einem langgezogenen Bild. Für mich eines jener Manifesta-Werke mit einem Fragezeichen.
Auf der Rückseite laufen Filme – und mit denen kann ich wesentlich mehr anfangen. Einer davon ist in schwarzweiß „Glück auf in Deutschland“ von Pınar Öğrenci. Sie führt in die Bergbaugeschichte des Ruhrgebiets, allerdings aus einer selten beachteten Perspektive. Öğrenci suchte nach den Spuren der ersten Generation der sogenannten Gastarbeiter im Bergbau und stellte fest, wie wenig sie in den Archiven präsent sind. Historisches Material und persönliche Geschichten holen diese Menschen wieder ins Bild.
Auf der gegenüberliegenden Wand hinter dem Kreuz lief ein zweiter Film über den Strukturwandel selbst: Industrieanlagen verschwinden oder werden gesprengt, ehemalige Industrieflächen werden zu neuen, grünen Landschaften. Auch Zollverein taucht auf. Doch der Film erzählt nicht nur die schöne Geschichte von Industriekultur, Parks und neuer Nutzung. Er erinnert ebenso an die andere Seite – an verlorene Arbeitsplätze und daran, was es für Menschen und ganze Stadtteile bedeutet, wenn eine Industrie verschwindet. Diese Geschichte hat man im Ruhrgebiet ständig vor Augen: Zechen werden Museen, Halden Aussichtspunkte, Bahntrassen Radwege. Das Ergebnis kann großartig sein – aber der Weg dorthin bedeutete eben auch Verlust.




Etwas schwierig finde ich allerdings, dass beide Filme im selben Raum laufen. Bilder, Stimmen und Geschichten überlagern sich teilweise. Ich hätte sie lieber nacheinander gesehen.
Trotzdem passt gerade diese Kombination erstaunlich gut: Der eine Film fragt, wer die Industrie aufgebaut hat und in unserer Erinnerung vorkommt. Der andere beschäftigt sich damit, was geschieht, wenn diese Industrie wieder verschwindet.
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um die Zukunft einer Kirche, sondern um eine Frage, die das ganze Ruhrgebiet betrifft: Was bleibt von einem Ort – und von den Menschen, die ihn geprägt haben –, wenn seine ursprüngliche Aufgabe verschwindet?
Vier Bochumer Kirchen – vier völlig verschiedene Antworten
Damit sind meine vier Bochumer Manifesta-Kirchen geschafft. Und wieder könnte die Mischung kaum größer sein. In St. Ludgerus Ballspiel mit einer Orgel. Christ-König mit der dunkleren Seiten von Geschichte, Macht und Industrie. Gethsemane mit seiner riesigen aufblasbaren Glocke. Und St. Anna mit der Frage – Was bleibt nach der Industrie?
Aber etwas ist genauso wie bei meiner ersten Runde durch Duisburg und Essen. Ich bin nicht die einzige Besucherin. Beim ersten Mal war ich am Wochenende unterwegs, diesmal ist ein ganz normaler Wochentag. Und trotzdem treffe ich in allen vier Kirchen Menschen, die bewusst hierhergekommen sind. Sie schauen, lesen, diskutieren, probieren aus – oder spielen eben gemeinsam Basketball. Vielleicht muss eine Kirche nicht mehr ausschließlich Kirche sein, um Menschen zusammenzubringen.
Gelsenkirchen – von Arbeit, Ankommen und einem neuen Zuhause
Nach Duisburg und Essen, nach Bochum folgt meine dritte Runde durch die Manifesta 16 Ruhr – und diesmal bleibe ich in Gelsenkirchen.
Vier Kirchen liegen über die Stadt verteilt. Und obwohl auch hier wieder Migration, Arbeit und die Veränderungen des Ruhrgebiets eine große Rolle spielen, fühlt sich diese Runde für mich anders an.
In Bochum waren mir vor allem die dunkleren Bilder im Gedächtnis geblieben: tote Vögel, zerstörte Körper, Verlust und das Ende einer Industrie.
Gelsenkirchen erzählt ebenfalls von Menschen, die zum Arbeiten ins Ruhrgebiet kamen. Aber für mich wirkt diese Geschichte hier zunehmend bunter, persönlicher und irgendwie optimistischer.
Bis ich das erkenne, brauche ich allerdings ein bisschen.
St. Josef in Ückendorf – erst einmal ziemlich blau
Meine erste Gelsenkirchener Manifesta-Kirche hatte ich eigentlich gar nicht als eigene Tour geplant. Sie lag nach meiner Bochumer Runde ziemlich praktisch auf dem Heimweg.
Also halte ich noch einmal an.
St. Josef in Ückendorf fällt schon deshalb aus der Reihe, weil sie wesentlich älter ist als die meisten anderen Manifesta-Kirchen. Sie wurde zwischen 1894 und 1896 nach Plänen von Lambert von Fisenne errichtet; die Sakristei kam 1912 hinzu. Für die Manifesta ist sie zudem ein besonderer Ort: Gleich nebenan, im ehemaligen Pfarrhaus, hat die Manifesta 16 Ruhr ihr Gelsenkirchener Hauptquartier eingerichtet.
Und dann betrete ich die Kirche. Blau. Sehr blau. Der Raum scheint sich in eine fremde Meereswelt verwandelt zu haben. Und da ist er wieder, mein inzwischen ziemlich treuer Begleiter durch die Manifesta: Was will uns der Künstler damit sagen?






Ich schaue, gehe hindurch – und komme diesmal zu keiner überzeugenden Antwort. Vielleicht ist genau das aber auch Teil dieses Experiments. Manche Arbeiten erreichen mich sofort. Andere erst, nachdem ich ihre Geschichte kenne. Und bei manchen bleibt auch danach eine gewisse Distanz. St. Josef gehört für mich eindeutig in die letzte Kategorie.
Noch ahne ich nicht, dass mir die nächsten beiden Gelsenkirchener Kirchen einen wesentlich leichteren Zugang ermöglichen werden.
Thomaskirche – plötzlich erzählen Stoffe Geschichten
Dafür geht es nach Erle. Schon die Thomaskirche selbst ist interessant. Sie entstand 1965 nach Plänen von Fred Janowski und Albrecht Wittig und ersetzte eine sogenannte Ladenkirche unter der Pfarrwohnung. Ihre fast kristalline, nach Osten spitz aufsteigende Form war damals ausgesprochen modern, auch innen. Heute befindet sich die evangelische Kirche im Prozess der Aufgabe als Gotteshaus. Für die Manifesta heißt sie: „Hava Güleç Wohnzimmer“.
Und tatsächlich fühlt sich diese Ausstellung ganz anders an als die blaue Welt von St. Josef. Hier muss ich nicht lange überlegen, worum es geht. Überall sind Textilien, Fotografien, Handarbeiten und Dinge aus dem Alltag zu sehen. Sie erzählen von Frauen, von Arbeit und davon, was Menschen mitbringen, wenn sie ihre Heimat verlassen. Namensgeberin Hava Güleç kam 1966 mit ihren beiden Kindern ins Ruhrgebiet, wo ihr Mann bereits unter Tage arbeitete. Zunächst lebte die Familie in einer Barackensiedlung nahe der Zeche. Später arbeitete Güleç bei Seppelfricke am Fließband und montierte im Akkord Elektroherde. Zwei unscheinbare Gegenstände, die sie aus der Türkei mitbrachte – ein handgeschmiedeter Teigschaber und eine selbst gefertigte Bürste – werden hier plötzlich zu Zeugen eines ganzen Lebens. Das gefällt mir. Denn Geschichte wird hier nicht über große Daten und Ereignisse erzählt, sondern über Dinge, die jemand tatsächlich in der Hand gehalten hat.








Daneben zeigen Fotografien von Muhlis Kenter Näherinnen bei der Akkordarbeit in einer Berufsbekleidungsfabrik im Jahr 1979. Und die vielen Häkel-, Strick- und Stickarbeiten von Fatma Ceylan erzählen noch eine andere Form weiblicher Arbeit. Die anatolische Oya-Technik wurde von Großmüttern und Müttern an Töchter und Enkelinnen weitergegeben – Wissen, das mit den Frauen mitgewandert ist. Genau das macht diese Ausstellung für mich so zugänglich.
Hier geht es nicht einfach um „die Gastarbeiter“ als anonyme Gruppe. Es geht um einzelne Menschen. Um Frauen, die arbeiteten, kochten, nähten und Familien versorgten. Um Handwerk und Erinnerungen. Um kleine Dinge, die Teil der Geschichte des Ruhrgebiets sind.
Nach St. Josef ist das für mich fast eine Erleichterung: Ich verstehe nicht jedes einzelne Kunstwerk – aber ich verstehe die Geschichten.
St. Bonifatius – ein Garten voller Erinnerungen
Nur wenig später stehe ich vor der zweiten Manifesta-Kirche in Erle. St. Bonifatius wurde 1963 nach Plänen von Ernst von Rudloff gebaut. Heute wird das ehemalige Gotteshaus bereits anderweitig genutzt – also genau eine jener Kirchen, an denen die zentrale Frage der Manifesta besonders konkret wird: Was kann aus einer Kirche werden, wenn sie nicht mehr Kirche ist?
Die erste Antwort darauf wächst hier bereits vor der Tür. Für die Manifesta ist St. Bonifatius zum „Ferdane Satır Teegarten“ geworden. In Hochbeeten wachsen Minze, Salbei, Hopfen, Brennnessel und Fenchel. Pflanzen werden geerntet und getrocknet, Tee wird zubereitet – und Menschen kommen miteinander ins Gespräch. Auch Begzada Alatović bringt ihr Wissen über Pflanzen mit. Sie leitet in Berlin den interkulturellen Garten Rosenduft, der ursprünglich aus der Begegnung bosnischer Frauen mit Fluchterfahrung entstand. Für Gelsenkirchen hat sie unter anderem Minze, Salbei, Johanniskraut und Ringelblumen gepflanzt. Pflanzenwissen wandert hier ebenso mit Menschen wie Sprache, Rezepte oder Musik.






Und wieder gefällt mir dieser Gedanke. Wer seine Heimat verlässt, nimmt eben nicht nur einen Koffer mit. Man nimmt Gerüche mit. Geschmäcker. Wissen darüber, welche Pflanze gegen was hilft. Erinnerungen an einen Garten der Großmutter. Schön, dass die Beete für die Besucher genau damit beschriftet sind.
Drinnen wird die Geschichte ernster. Zahlreiche Bilder erzählen von Arbeit, Migration, Fremdsein und dem Leben in einer neuen Gesellschaft.
Besonders lange bleibe ich vor einem dreiteiligen Bild stehen: „Abendmahl“ von Akbar Behkalam aus dem Jahr 1978. Behkalam wurde in Täbris im Iran geboren und floh 1976 vor dem Schah-Regime nach West-Berlin. In seinen Arbeiten verband er persische Bildtraditionen mit Motiven der europäischen Kunstgeschichte. Und ausgerechnet das christliche Abendmahl benutzt er, um gesellschaftliche Unterschiede sichtbar zu machen. Das vertraute Motiv bekommt plötzlich eine andere Bedeutung. Für mich erzählt das Bild von Menschen, die zwar Teil einer Gesellschaft sind und trotzdem nicht selbstverständlich mit am Tisch sitzen – von Armut und Ausgrenzung gegenüber einer wohlhabenderen Umgebung. Das trifft mich wesentlich unmittelbarer als manches komplizierte Installationskunstwerk.









Auch andere Bilder greifen dieses Gefühl auf. Es geht um Arbeitsmigration nach Deutschland, Fremdheit, Sprachlosigkeit, aber auch um die Würde des Alltags.
Langsam erkenne ich den roten Faden dieser Gelsenkirchener Runde. Es geht ums Ankommen. Aber ebenso darum, was Menschen mitbringen.
St. Anna – wenn Musik mitwandert
Die ehemalige Kirche in Schalke-Nord wird längst nicht mehr nur als sakraler Raum verstanden. Sie ist heute ein Ort für Kultur, Gemeinschaft und Inklusion; während der Manifesta wird daraus die „Hatay Engin Musikhalle“. Schon der Kirchenraum selbst gefällt mir. Der hohe Turm steht seitlich am Bau, innen fällt durch die kräftig blau und rot leuchtenden Fenster buntes Licht.
Und irgendwo läuft Musik, die für meine Ohren zunächst fremd klingt. Dazu Platten- und Kassettenhüllen, Filme, Textilien, Kleidung. Ich stehe wieder mittendrin und denke: Was hat das alles miteinander zu tun? Diesmal finde ich die Antwort auf einer der Ausstellungstafeln: Musik reist mit den Menschen, lange bevor sie sich an einem neuen Ort zu Hause fühlen.
Plötzlich passt alles zusammen. Menschen kamen zum Arbeiten nach Deutschland – aber sie brachten natürlich viel mehr mit als ihre Arbeitskraft. Sie brachten ihre Musik mit. Ihre Sprache. Ihre Erinnerungen. Ihre Kultur. Und daraus entstand hier etwas Neues.
Besonders spannend finde ich einen Film von Cana Bilir-Meier. Ein neues Wort von 2025 greift einen westdeutschen Wettbewerb von 1970 auf. Damals wurde nach einer neuen Bezeichnung für das Wort „Gastarbeiter“ gesucht. Mehr als 30.000 Vorschläge gingen ein. Darunter harmlose, absurde oder auch offen rassistische Begriffe. Bilir-Meier lässt viele dieser Wörter von einem Münchner Chor aufgreifen und verwandelt sie gemeinsam in Musik.
Dann entdecke ich die Platten- und Kassettenhüllen. Was ich zunächst für die Arbeit eines japanischen Designers halte, führt mich wieder einmal ziemlich auf die falsche Fährte. Dahinter steckt Ming Wong. Unter der Kunstfigur Bülent Wongsoy verbindet er seinen eigenen Namen mit dem des türkischen Film- und Popstars Bülent Ersoy. Mit nachgebildeten Platten- und Kassettenhüllen spielt er mit Identität, Geschlecht, Transidentität, Herkunft und der Frage nach Original und Kopie. Okay. Darauf wäre ich allein definitiv nicht gekommen.










Und auch die Kleidung, die ich zunächst einfach als „orientalisch“ wahrgenommen habe, gehört in einen viel spezielleren Zusammenhang. Mesut-Sabuha Salaams „Gayhane – Die Nacht als Zuhause“ erinnert an die queere migrantische Berliner Clubszene.
Vier Kirchen – und am Ende ergibt Gelsenkirchen plötzlich Sinn
St. Josef lässt mich zunächst ziemlich ratlos in einer blauen Welt zurück. In der Thomaskirche erzählen Textilien, Fotografien und alltägliche Gegenstände von Frauen, deren Arbeit in den großen Geschichten des Wirtschaftswunders leicht verschwindet. St. Bonifatius macht aus dem Kirchenvorplatz einen Garten, in dem Pflanzenwissen, Erinnerung und Begegnung weitergegeben werden. Und St. Anna erzählt schließlich davon, wie Musik mit Menschen wandert und an einem neuen Ort etwas Eigenes entstehen lässt.
Für mich war Gelsenkirchen damit die zugänglichste der drei bisherigen Manifesta-Runden. Nicht, weil ich plötzlich moderne Kunst verstanden hätte. Keine Sorge. „Was will uns der Künstler damit sagen?“ hat mich selbstverständlich auch hier begleitet. Aber hinter Stoffen, Pflanzen, Fotos, Liedern und Platten tauchten Menschen auf. Menschen, die ins Ruhrgebiet kamen, weil hier Arbeit war. Die nähten, am Fließband standen oder unter Tage arbeiteten. Die Familien gründeten, Gärten anlegten, kochten, Musik hörten und sich neue Orte schufen, an denen sie dazugehören konnten.
In vier Kirchen, deren eigene Zukunft sich verändert hat, geht es damit immer wieder um dieselbe Frage: Wie wird aus einem fremden Ort ein Zuhause?
Vielleicht ist das am Ende sogar eine ziemlich gute Antwort auf das Motto der Manifesta: This is not a church – Möglicherweise wieder ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen.

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