Reisen+Ausflüge

Nur für einen Augenblick

Manche Reisen entstehen aus einem einzigen Gedanken. Aus einem Termin, den man nicht verpassen möchte. Aus einem Ereignis, das nur für einen kurzen Augenblick stattfindet. Genau um diese Reisen soll es in diesem Beitrag gehen.

Im Laufe der Jahre sind so einige ungewöhnliche Touren zusammengekommen. Die Nacht am Nordkap war ein Abstecher im Rahmen meines Welterbeprojekts [Link]. Ein Geburtstag in Lourdes [Link]. Vor vielen Jahren der Aufstieg auf den Kilimandscharo gemeinsam mit meinen Kindern [Link]. Die Wanderung rund um den Annapurna mit der Überquerung des Thorung La Passes in Nepal – eine Reise, die mir meine Kinder zum 60. Geburtstag schenkten [Link]. Und schließlich die Touren, die nur einem einzigen Naturschauspiel galten: den totalen Sonnenfinsternissen, für die ich mit meinen Kindern vor vielen Jahren zum Balaton und in die Türkei gereist bin.

Es sind Reisen, die auf den ersten Blick vielleicht verrückt erscheinen. Tausende Kilometer für wenige Stunden. Manchmal sogar nur für wenige Minuten.

Aber genau diese Momente bleiben oft ein Leben lang.

Auch 2026 werden zwei solcher Ideen Wirklichkeit. Für eine exklusive Sonderführung zu den Deckengemälden Gustav Klimts im Burgtheater geht es für einen Tag mit dem Nightliner nach Wien – morgens ankommen, abends schon wieder zurück. Und nur wenige Tage später führt mich eine dreitägige Reise nach Mallorca, um dort die totale Sonnenfinsternis zu erleben.

Manchmal braucht es eben nicht einen ganzen Urlaub. Manchmal genügt ein einziger besonderer Augenblick, um sich auf den Weg zu machen.

Manchmal genügt eine einzige Nachricht.

Als ich von Linda erfuhr, dass im Wiener Burgtheater noch Restkarten für eine der letzten Sonderführungen zu den Deckengemälden von Gustav Klimt verfügbar waren, musste ich nicht lange überlegen. Wenige Minuten später war das Ticket gebucht. Und kurz darauf auch einer der letzten freien Plätze im Nightliner.

Morgens in Wien. Abends wieder zurück.

Verrückt? Vielleicht. Aber genau solche Augenblicke lassen das Herz höherschlagen.

Weil die Entscheidung so kurzfristig fiel, blieb nur der Sitzwagen. Kann man das machen?

Ja – wenn man weiß, worauf man sich einlässt.

Der Komfort erinnert an einen Billigflug – nur eben nicht für zwei oder drei Stunden, sondern für eine ganze Nacht. Bequem ist anders, unmöglich aber keineswegs. Mit einer Nackenrolle, einer Schlafmaske, einer dünnen Decke und – je nach Sitznachbarn – einem Paar Ohropax lässt sich die Reise erstaunlich gut überstehen.

Wer allerdings länger im Voraus planen kann, sollte sich unbedingt einen Liegewagen oder ein Schlafabteil gönnen. Für mich war der Sitzwagen in diesem Fall genau die richtige Wahl. Es ging schließlich nicht um Luxus, sondern darum, einen ganz besonderen Moment möglich zu machen.

Als ich am Morgen in Wien ankam, zeigte das Thermometer bereits hochsommerliche Temperaturen. Im Laufe des Tages kletterte es auf 39 Grad.

Die prachtvollen Fassaden schienen die Hitze förmlich zurückzustrahlen. Auf den Plätzen suchten Einheimische wie Besucher jeden Schatten, und jede geöffnete Kirchentür wurde zur willkommenen Abkühlung.

Also kein Sightseeing-Marathon.

Ich ließ mich durch die Altstadt treiben, vorbei am Stephansdom und der Hofburg, gönnte mir einen großen Braunen und natürlich ein Stück Sachertorte. Wien muss man an solchen Tagen nicht abhaken – sondern einfach auf sich wirken lassen. [Video]

Am Mittag begann schließlich die 90-minütige Sonderführung, die mich überhaupt erst nach Wien geführt hatte.

Anlässlich des 250-jährigen Jubiläums des Burgtheaters werden derzeit die prunkvollen Feststiegen restauriert. Normalerweise bleiben die berühmten Deckengemälde Gustav Klimts und seiner Künstlerkollegen weit über den Köpfen der Besucher. Während der Renovierungsarbeiten eröffnet sich jedoch eine einmalige Gelegenheit: Über eigens errichtete Gerüste gelangt man bis auf Augenhöhe zu den Gemälden – ein Erlebnis, das es in dieser Form vermutlich frühestens in 50 Jahren wieder geben wird.

Bereits der Weg durch das Theater war beeindruckend. Man erlebt den prachtvollen Zuschauerraum einmal ohne Vorstellung, wirft einen Blick in die Foyers und begegnet in den Gängen den Porträts vieler berühmter Burgschauspielerinnen und Burgschauspieler – eine kleine Reise durch mehr als zwei Jahrhunderte Theatergeschichte.

Von den großen Namen der Theatergeschichte führte unser Weg nun zu einem Künstler, der selbst Theatergeschichte schreiben sollte: Gustav Klimt.

Zwischen 1886 und 1888 schufen Gustav Klimt, sein Bruder Ernst Klimt und Franz Matsch insgesamt zehn monumentale Deckengemälde für die beiden Feststiegen des Burgtheaters. Sie erzählen die Geschichte des Theaters von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Kaum zu glauben, dass Gustav Klimt bei diesem Auftrag gerade einmal 24 Jahre alt war. Wer heute vor den Bildern steht, begegnet also nicht dem berühmten Klimt des „Kusses“, sondern einem außergewöhnlich talentierten jungen Künstler am Beginn seines Weges und seinem ersten öffentlichen Auftrag.

Im Angelika-Prokopp-Foyer wartete ein erster Höhepunkt: die originalen Klimt-Kartons, also die Entwurfszeichnungen in Originalgröße. Hier erfährt man, wie die monumentalen Deckengemälde überhaupt entstanden. Die Konturen der Zeichnungen wurden mit unzähligen feinen Nadelstichen perforiert. Anschließend legte man die Kartons auf die Leinwand und rieb Kohle- oder Graphitstaub darüber. Durch die winzigen Löcher entstand eine gepunktete Vorzeichnung, die den Künstlern als Grundlage für ihre späteren Gemälde diente – eine jahrhundertealte Technik, die heute kaum noch angewendet wird.

Mit diesem Wissen begaben wir uns zu den beiden Feststiegen – und damit zu den eigentlichen Höhepunkten der Führung. Zuerst besuchten wir die bereits restaurierte Kaiserstiege. Hier geht es um die Entstehung des Theaters und die großen Klassiker des Dramas. Von Gustav Klimt ist u.a. die Szene in Shakespeares Globetheater. Im Gemälde – Shakespeares Globetheater befindet sich das einzige gemalte Selbstporträt Gustav Klimts – gemeinsam mit seinem Bruder Ernst und Franz Matsch als Zuschauer im Publikum.

Dann kam der Moment, auf den alle warteten.

Über mehrere Gerüstebenen ging es hinauf bis unmittelbar unter die Decke der Feststiege. Hier stehen Musik, Tanz und die Entwicklung des Theaters im Mittelpunkt. Plötzlich verschwinden die Gemälde nicht mehr irgendwo in großer Höhe, sondern liegen nur noch wenige Schritte entfernt. Aus der Nähe werden einzelne Pinselstriche sichtbar, feine Farbverläufe und all die wunderbaren Details, die vom Boden aus niemals zu erkennen wären.

Besonders beeindruckend ist hier Gustav Klimts größtes Werk, das rund 30 Quadratmeter große „Theater in Taormina“. [Video]

Nach 90 Minuten endete die Führung, und wenig später machte ich mich, den Kopf voller bunter Bilder, schon wieder auf den Weg zum Bahnhof.

Ein Tag. Zwei Nächte im Zug. Eine brütend heiße Stadt. Ein Kaffee, eine Sachertorte und ein Kunsterlebnis, das wahrscheinlich nur für kurze Zeit möglich war.

Hat sich der Aufwand gelohnt?

Für mich ohne jeden Zweifel und ich möchte keinen Schritt durch Wien und keine Stufe im Burgtheater missen.

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