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78° Nord – Kalt. Klar. Still. Und wunderbar weit weg.

Für die meisten ist Spitzbergen wahrscheinlich ein weißer Fleck auf der Landkarte. Nicht nur im übertragenen Sinne. Wo genau liegt Longyearbyen eigentlich? Kann man da einfach hinfliegen? Und was macht man dort eine ganze Woche lang?

So ungefähr ging es uns jedenfalls noch vor ein paar Monaten. Dann siegten Nordlandsehnsucht und Neugier und wir schauten einfach einmal, was möglich wäre. Und siehe da: Mit ein bisschen Flexibilität und Glück bekommt man bei SAS bezahlbare Flüge – mit großem Gepäck. Wer bereit ist, sehr lange Umsteigezeiten in Kauf zu nehmen, kann hier sogar noch sparen. Auch die Suche nach einer erschwinglichen Unterkunft bei booking.com war einfacher als erwartet.

Und plötzlich war aus dem weißen Fleck auf der Landkarte ein Reiseziel geworden.

Die Anreise dauert trotzdem fast einen ganzen Tag. Für uns geht es über Kopenhagen und Oslo immer weiter nach Norden. Spätestens in Oslo merkt man, dass Spitzbergen wohl etwas anderes ist: Obwohl die Inselgruppe irgendwie zu Norwegen gehört, liegt sie außerhalb des Schengenraums und in der Freihandelszone. Es gibt also eine echte Grenzkontrolle.

Dann noch einmal rund drei Stunden Flug. Erst Norwegen, dann Meer, Wolken – und schließlich der Landeanflug.

Und der ist spektakulär. Unter den Wolken tauchen plötzlich erschreckend nahe den Tragflächen messerscharfe dunkle Berge auf, dazwischen Gletscherzungen und eine Landschaft, die auf den ersten Blick fast völlig schwarz wirkt. Wir landen im strömenden Regen am kleinen Flughafen von Longyearbyen, holen unsere Koffer und stehen wenig später vor dem berühmten Eisbärenschild.

Willkommen auf Spitzbergen. [Video]

Wo sind wir hier eigentlich?

Spitzbergen, wie man im Deutschen allgemein sagt, oder Svalbard? Schon bei der Bezeichnung kann man ein bisschen durcheinanderkommen. Svalbard heißt die gesamte norwegische Inselgruppe, norwegisch Spitsbergen ist ihre größte Insel und genau auf dieser liegt Longyearbyen, die einzige Stadt hier und die nördlichste der Welt. Sie liegt mitten in einer Landschaft aus Permafrost, Bergen, Fjorden und Gletschern, die rund 60 Prozent der Landfläche Svalbards bedecken.

Ein Blick auf die Karte zeigt, wie weit wir tatsächlich im Norden sind. Longyearbyen liegt auf 78° Nord, gut 1.300 Kilometer nördlich des Polarkreises, etwa 800 km sind es vom Nordkap oder Hammerfest. Bis zum Nordpol sind es von hier auch nur noch etwa 1.300 Kilometer.

Der Flybus bringt alle Besucher in den Ort, unsere Unterkunft, die Coal Miners Cabins, ist die letzte am Rand von Longyearbyen. Unser Zimmer ist warm und gemütlich, das lässt den Regen draußen vergessen. Wir kochen in der Gemeinschaftsküche heißen Tee – und sind einfach nur gespannt, was die nächsten Tage bringen.

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon anders aus. Die Luft ist klar und kalt, um uns absolute Stille und ringsum dunkle Berge. Aus dem Fenster sehen wir oben am Hang den Einstieg in eine der alten Kohlegruben.

Unser Frühstück im ehemaligen Gemeinschaftshaus ist ebenso rustikal wie üppig.

Danach laufen wir los zur ersten Erkundung.

In Longyearbyen leben heute rund 2.500 Menschen. Die Straße führt an jeder Seite nur wenige Kilometer aus dem Ort hinaus – danach ist Schluss.

Ein Warnschild vor den Eisbären weist nachdrücklich darauf hin.

Menschen kamen allerdings schon vor langer Zeit in diese unwirtliche Gegend. Seit dem 17. Jahrhundert waren Walfänger rund um Spitzbergen unterwegs, später überwinterten russische und norwegische Jäger und Fallensteller auf der Inselgruppe. In der Nähe des heutigen Flughafens gab es sogar schon 1896 ein kleines Hotel für die ersten Touristen, die mit dem Schiff nach Spitzbergen kamen.

Einer dieser frühen Kreuzfahrttouristen war John Munro Longyear. Der amerikanische Geschäftsmann kam 1901 erstmals nach Spitzbergen. Wenige Jahre später kehrte er als Bergbauunternehmer zurück und gründete 1906 die erste Kohlemine und die dazugehörige Siedlung Longyear City. 1916 übernahm die norwegische Store Norske den Bergbau – und aus Longyear City wurde Longyearbyen. Seit den 1980er- und 1990er-Jahren verlor der Bergbau jedoch zunehmend seine beherrschende Stellung. 2025 endete der norwegische Kohleabbau endgültig, als mit Gruve 7 die letzte norwegische Mine auf Spitzbergen geschlossen wurde. Heute spielen Forschung, Universität und Tourismus eine immer größere Rolle. Die alten Grubenanlagen sind trotzdem überall präsent. Seilbahnmasten ziehen sich über die Berghänge, ehemalige Grubeneingänge liegen oberhalb des Ortes und erinnern daran, warum hier überhaupt eine dauerhafte Siedlung entstand.

Wir laufen durch die Straßen und schauen uns erst einmal an, wie so eine Stadt bei 78° Nord überhaupt funktioniert. Zwischen den bunten Holzhäusern, die wegen des Permafrostbodens auf Pfählen beziehungsweise Stelzen stehen, gibt es erstaunlich viel von dem, was anderswo auch zu einer Stadt gehört: Kindergarten und Schule, Universität, Einkaufszentrum, Kirche, eine Krankenstation, Heizwerke. Und dann gibt es da noch ein Detail, das uns immer wieder daran erinnert, dass dies eben doch keine ganz normale Kleinstadt ist: Vor Geschäften, Restaurants, der Post und anderen öffentlichen Gebäuden stehen Schilder mit durchgestrichenen Gewehren – Waffen müssen draußen bleiben. Außerhalb der Siedlung gehört das Gewehr wegen der Eisbären für viele ganz selbstverständlich zur Ausrüstung. Drinnen dagegen ebenso selbstverständlich nicht. So stehen vor manchen Gebäuden sogar Möglichkeiten bereit, die Waffen sicher abzustellen.

Weiter geht es hinunter zum Adventfjorden und zum Hafen.

Überall im Ort stehen Informationstafeln. Sie erzählen vom Bergbau und von Menschen, die Longyearbyen geprägt haben, von Walfängern, Jägern und Polarfahrern, von Pflanzen und Tieren und vom Leben in dieser ungewöhnlichen Landschaft. Wir bleiben ständig irgendwo stehen und lesen. Später bekommen wir auch von unseren Guides noch jede Menge Informationen und Geschichten erzählt.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet in Longyearbyen außerdem zwei spannende Museen: eines zur Geschichte und Natur Spitzbergens und eines zu den großen Polarexpeditionen. Wer etwas Besonderes sucht, kann einen arktischen Themenabend im Camp Barentz buchen: In der nachgebauten Hütte von William Barents außerhalb Longyearbyens gibt es Abendessen am offenen Feuer, dazu Geschichten und einen Vortrag über Spitzbergen und seine Eisbären. [Video]

Die eigentliche Schönheit und Besonderheit Spitzbergens liegt außerhalb der Stadt. Das merken wir schon an unserem ersten sonnigen Tag. Das Licht verändert die Landschaft innerhalb weniger Minuten. Die dunkelbraunen und schwarzen Berge beginnen plötzlich gelb zu leuchten, Wolken hängen tief in den Tälern und auf dem Fjord spiegeln sich Farben, die kurz darauf schon wieder verschwunden sind.

Am nächsten Morgen hat es geschneit.

Wir wandern trotzdem zum Fjord und laufen in einem kurzen Sonnenloch bis zu den Schlittenhunden. Es ist knackig kalt, der Wind pfeift und die Hunde heulen schaurig schön, auf der anderen Seite des Wassers liegen die Berge im Licht – und wir stehen einfach da. Spitzbergen hat uns in seinen Bann gezogen, noch bevor wir überhaupt zu unserer ersten großen Tour aufbrechen. [Video]

Und das geht nicht nur uns so. Auf die Frage, wie man hier lebt, bekommen wir im Laufe der Woche Antworten von den Menschen, die wir treffen. Auffällig ist, wie international Longyearbyen ist. Unsere Guides, die Besatzung auf dem Schiff, die Mitarbeiter in unserer Unterkunft – fast alle sind irgendwann von anderswo hierhergekommen. Aus Norwegen natürlich, aber auch aus vielen anderen europäischen Ländern bis hinunter nach Italien. Und immer wieder haben wir den Eindruck: Die Menschen leben nicht zufällig hier. Sie haben sich Spitzbergen ganz bewusst ausgesucht und sie lieben es, hier zu sein und sind begeistert von dem, was sie umgibt. In der Freizeit der Bewohner spielt sich viel draußen ab. Am Wochenende geht es in die weit abgelegenen Hütten, zum Wandern, mit dem Boot auf den Fjord oder im Winter mit Schneemobil und Hundeschlitten hinaus. Je länger wir hier sind, desto mehr verstehen wir, dass Longyearbyen nicht einfach nur ein abgelegener Arbeitsort ist, sondern für viele eine ganz bewusst gewählte Heimat auf Zeit.

Wir haben uns in dieser Woche drei Unternehmungen gegönnt – und jede zeigte uns eine völlig andere Seite Spitzbergens.

Unsere erste größere Tour führt uns ins Foxdalen. Gebucht haben wir den Ausflug über Hurtigruten, durchgeführt wird er von den Guides von Green Dog Svalbard. Und weil Ende September bereits Nebensaison ist, haben wir Glück: unsere Wanderung ist heute eine Privattour.

Schon die Abholung macht klar, dass das heute kein gemütlicher Spaziergang wird. Unsere Rangerin kommt mit einem ordentlich schlammverspritzten Kleintransporter, dazu Rucksack, Hund und natürlich Pistole und Gewehr.

Die Fahrt führt hinaus aus Longyearbyen und hinein in eine immer einsamere Landschaft. Bevor wir loswandern, wird die Waffe geladen, denn wir sind im Eisbärengebiet unterwegs.

Zunächst kommen wir am Camp Barentz vorbei. Ein kurzer Stopp und eine Geschichte dazu, aber unser eigentliches Ziel liegt einige Kilometer vor uns.

Die Tundra ist nass und sumpfig, kleine Wasserläufe ziehen sich durch das Tal und meine angeblich wasserdichten Wanderschuhe geben ziemlich schnell auf. Nasse Socken gehören ab jetzt dazu. Dafür gibt es unterwegs einiges zu entdecken. Nicht nur die tollen Herbstfarben und die tief hängenden Nebel – Immer wieder ziehen große Vogelschwärme auf dem Weg in den Süden über uns hinweg. Und dann entdecken wir auch die ersten Spitzbergen-Rentiere.

Für den Gletscherfluss reicht selbst gutes Schuhwerk ohnehin nicht mehr. Wir schlüpfen in Wathosen und stiefeln durch das eiskalte Wasser auf die andere Seite. Dahinter wird es still. Berge, Tundra, Wasser – und sonst fast nichts. Und dann zeigt das Foxdalen, wofür es bekannt ist: steile, fast senkrechte Felswände, in denen die einzelnen Gesteinsschichten wie übereinandergestapelt zu erkennen sind. Sogar Fossilien lassen sich hier finden. Zwischen diesen Klippen führt unser Weg immer weiter ins Tal hinein. Sobald die Sonne scheint, beginnen die Berge und Moose zu leuchten und die Landschaft ändert ihr Gesicht.

In der kleinen Hütte von Green Dog wird es später gemütlich und vor allem wieder warm. Und hier machen wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit den norwegischen Expeditionsmahlzeiten aus der Tüte. Heißes Wasser hinein, einige Minuten warten und direkt aus dem Beutel essen. Unser erstes Gericht ist Curry – und nicht nur nach der kalten, nassen Wanderung schmeckt es echt gut.

Auf dem Rückweg erstrahlt die Tundra noch einmal in den schönsten Farben und schließlich kommen wir einem Rentier auch noch ziemlich nah.

Zum Schluss bringen wir unseren Begleithund zurück und besuchen die Huskyfarm. Kalten Füße, Tundra und Gletscherwasser – und jetzt sitzen wir plötzlich zwischen Schlittenhunden – Hundebabys inklusive.

Foxdalen war unsere Arktis-Abenteuertour: nass, kalt und matschig, aber vor allem voller Stille und Weite, großartiger Ausblicke und Tierbegegnungen – und weit über das hinaus, was wir bei unseren Spaziergängen durch Longyearbyen schon erahnen konnten. [Video]

Auf diese Tour haben wir uns besonders gefreut – und auch heute spielt das Wetter mit. Schon am Morgen scheint die Sonne, als wir zum Hafen gebracht werden und an Bord der MS Bard gehen, einem hybrid-elektrischen Katamaran von Hurtigruten Svalbard.

Das Schiff ist wie gemacht für diese Landschaft. Große Panoramafenster, mehrere Außendecks und ein Antrieb, der zeitweise fast lautloses Fahren ermöglicht. Motor und Propeller sind darauf ausgelegt, Lärm und Vibrationen zu reduzieren – angenehm für uns und vor allem für die Tierwelt.

Wir verlassen Longyearbyen und fahren hinaus in den Isfjord. Und eigentlich könnte ich schon jetzt stundenlang nur schauen. Die Sonne bringt die Berge zum Leuchten, das Wasser ist ruhig und mit jeder Stunde scheint die Landschaft größer und einsamer zu werden.

Dabei ist die Fahrt viel mehr als nur eine Bootstour. Die Besatzung versorgt uns immer wieder mit Fotos, Karten und Informationen zu unserer Route, erzählt von der Geschichte Spitzbergens und erklärt die Tiere, die wir unterwegs entdecken.

So bekommt das, was draußen an den Fenstern vorbeizieht, plötzlich Namen und Geschichten.

Unser Ziel ist der Nordenskiöldbreen im Billefjord.

Unterwegs sehen wir auch Pyramiden, die ehemalige sowjetische Bergbausiedlung. Schon aus der Entfernung wirkt sie ziemlich surreal: eine kleine Siedlung mitten in dieser gewaltigen Landschaft.

Und irgendwann liegt der Gletscher vor uns.

Je näher wir kommen, desto gewaltiger wird er. Unser Kapitän manövriert die MS Bard erstaunlich nah an die Gletscherfront heran – vorsichtig, langsam und so, dass wir draußen an Deck immer wieder neue Perspektiven bekommen.

Erst aus der Nähe entdecken wir auch dieses unglaubliche Gletscherblau: Dort, wo das Eis frisch abgebrochen ist, leuchten die Bruchstellen intensiv blau zwischen dem älteren weißen und grauen Eis.

Ich habe in Island schon Gletscher gesehen. Aber das hier ist noch einmal etwas anderes. Vielleicht liegt es am Licht, vielleicht an der Stille oder daran, dass wir uns langsam und beinahe lautlos über das Wasser bewegen. Wir stehen draußen an Deck und können uns kaum sattsehen, mir laufen die Tränen, und zwar nicht nur vom Wind.

Irgendwann müssen wir uns trotzdem aufwärmen. Drinnen gibt es heiße Schokolade und eine warme Suppe, während vor den großen Fenstern die arktische Landschaft weiterzieht. Lange hält es uns trotzdem nicht drinnen.

Und selbst auf dem Rückweg ist die Tour noch nicht fertig mit uns. Der Kapitän hält Ausschau nach Walen – und plötzlich kommt die Durchsage: Minkwale! Er gibt ihre Position durch, nimmt die Geschwindigkeit heraus und wir stürmen wieder nach draußen. Jetzt heißt es warten, schauen und hoffen:

Wo taucht der nächste Rücken aus dem Wasser auf?

Foxdalen war unser Abenteuer. Diese Fahrt ist unser großes Naturerlebnis. Sechseinhalb Stunden Fjord, Berge, Sonne, Gletscher und Wale – das war einer dieser Tage, bei denen man ganz genau weiß, dass man ihn nicht vergessen wird. [Video]

In der Nacht hat es wieder geschneit. Beim Blick aus dem Fenster sieht es ziemlich kalt aus und vor unserer Wanderung durchs Bjørndalen stellt sich vor allem eine Frage, wie viele Schichten wir heute übereinander ziehen.

Unser Guide von Snowfox Travels holt uns ab und wir fahren zunächst eine ganze Weile am Fjord entlang. Wieder sind wir nur zu zweit – Low Season – und damit haben wir zum zweiten Mal eine Privattour.

Wir kommen am Hafen vorbei, später stehen nur noch einsame Hütten am Fjord, die die Einheimischen in ihrer Freizeit zum Angeln oder Wandern nutzen.

Dann geht es zu Fuß weiter hinein ins Tal. Schnee liegt auf den Bergen, die Sonne kämpft sich schließlich durch die Wolken und wieder ist da diese unglaubliche Stille und Weite, die uns auf Spitzbergen inzwischen so begeistert.

Und diesmal bekommen wir eine ganz besondere Tierbegegnung. Vor uns steht eine Rentierfamilie: Mutter, das schon ziemlich große Jungtier aus diesem Jahr – und sogar der Vater ist noch dabei. Unser Guide erzählt, dass diese Familienkonstellation eher ungewöhnlich ist. Wir kommen bis auf vielleicht hundert Meter heran, bleiben stehen und beobachten. Die Sonne kommt heraus, rundherum ist nichts als Landschaft – einfach zauberhaft.

Unser Weg führt uns schließlich auf eine kleine Anhöhe. Dort gibt es Tee und Kekse und sogar ein kleines Gipfelbuch. Kein spektakulärer Berggipfel, aber bei dieser Aussicht braucht es den auch gar nicht.

Nach dem Rückweg wartet inzwischen fast schon Bekanntes auf uns: unsere Tüten sind wieder da. Diesmal gibt es Kebab und Pulled Pork – erstaunlich lecker und mit ordentlich Energie. 571 Kilokalorien pro Tüte sagen eigentlich alles darüber, für wen diese Mahlzeiten gedacht sind.

Dann begegnet uns wieder die Bergbaugeschichte Longyearbyens. Hier liegen die Luftschächte und ehemaligen Ausgänge der Mine 3 und unser Guide erzählt uns, wie die Kohle von hier in Richtung Küste transportiert wurde. Auch die Straße, auf der wir gekommen sind, verdankt ihre Entstehung dem Bergbau.

Doch unser Guide hat noch eine Überraschung für uns. Weil wir danach gefragt haben, fährt er mit uns auf dem Rückweg noch zum Svalbard Global Seed Vault, dem Saatguttresor oberhalb des Flughafens. Von außen wirkt der Eingang erstaunlich klein und unspektakulär. Dahinter führt ein langer Tunnel tief in den Berg und den dauerhaft gefrorenen Boden. Hier lagern Sicherheitskopien von Saatgut aus Genbanken aus aller Welt – eine Art Rückversicherung für die Vielfalt unserer Nutzpflanzen.

Foxdalen war unser Abenteuer, die Fahrt mit der MS Bard unser großes Naturerlebnis. Bjørndalen ist vielleicht die leiseste unserer drei Touren: Bergbaugeschichte und Gegenwart, Schnee und Sonne, Rentiere und diese ungeheure Weite – noch einmal ganz und gar Spitzbergen. [Video]

Und dann ist diese Woche tatsächlich schon vorbei. Der Flybus bringt uns zurück zum kleinen Flughafen, der Fahrer kennt uns noch von der Ankunft. Die Koffer verschwinden im Bauch des Flugzeugs und wir suchen uns noch einmal einen Fensterplatz.

Beim Start macht Spitzbergen uns den Abschied nicht gerade leichter. Unter uns ziehen die verschneiten Berge, Gletscher und Fjorde vorbei, diesmal aus einer ganz anderen Perspektive. Noch einmal diese Weite, dieses klare Licht und eine Landschaft, an der man sich einfach nicht sattsehen kann.

Eine Woche zuvor sind wir hier neugierig gelandet und wussten noch nicht so recht, was uns erwartet. Jetzt schauen wir hinunter und erkennen plötzlich die Plätze wieder – und wissen vor allem, wie sich diese Landschaft anfühlt: Kalt. Klar. Still. Ein letzter Blick aus dem Fenster, dann verschwinden die Berge unter den Wolken. [Video]

Sieben Tage Spitzbergen. Ist das zu lang für einen Ort, dessen Straßen nach wenigen Kilometern einfach enden? Für uns ganz eindeutig: Nein.

Im Gegenteil. Gerade weil wir nicht jeden Tag mit einer gebuchten Tour vollgepackt hatten, fühlte sich diese Woche erstaunlich lang und erholsam an. Wir hatten unsere drei großen Erlebnisse, aber dazwischen blieb Zeit. Zeit, durch Longyearbyen zu laufen, am Fjord entlangzugehen, irgendwo stehen zu bleiben und zu schauen oder eine der vielen Tafeln zu lesen. Zeit für ein ausgiebiges Frühstück, für einen Kaffee, zum Lesen – oder auch einfach einmal für ein paar Stunden im warmen Zimmer, während draußen das Wetter machte, was es wollte.

Vielleicht war genau das die richtige Art, Spitzbergen zu erleben. Nicht möglichst viel in möglichst wenig Zeit, sondern dem Ort und dem Wetter ein bisschen Raum zu lassen. Morgens aus dem Fenster schauen und erst einmal sehen, was der Tag bringt. Sonne nutzen, wenn sie da ist. Sich nach einer kalten Wanderung wieder auf Wärme freuen. Und zwischendurch tatsächlich auch einmal nichts tun.

Natürlich bleiben die großen Bilder: die Weite im Foxdalen, das blaue Eis an den frischen Abbruchkanten des Gletschers, Minkwale neben unserem Schiff, Rentiere im Bjørndalen. Aber mindestens genauso sehr bleibt dieses Gefühl von Weite und Stille. Von klarer kalter Luft. Von Sonnenstrahlen, die die dunklen Berge golden erstrahlen lassen. Von einer Landschaft, in der der Mensch plötzlich ziemlich klein wird.

Und dann sind da die Menschen, die wir getroffen haben. Menschen aus vielen Ländern, die sich ganz bewusst dafür entschieden haben, an diesem ungewöhnlichen Ort zu leben und zu arbeiten. Nach einer Woche können wir verstehen, was sie hier hält.

Spitzbergen war für uns kein Urlaub mit einer langen Liste abgehakter Sehenswürdigkeiten. Es war eine Woche mit wenigen, dafür umso intensiveren Erlebnissen – und mit viel Zeit für uns dazwischen.

Vielleicht ist genau das das größte Geschenk dieser Reise: für ein paar Tage ganz weit weg zu sein – nicht nur geografisch.

Die Lebensmittel sind auch im Supermarkt teuer. Kein Wunder: Alles muss hierher transportiert werden. Ein Becher griechischer Joghurt für sieben bis neun Euro oder Äpfel für etwa fünf Euro pro Kilo relativieren plötzlich den Preis eines Essens im Restaurant.

Unsere Unterkunft mit großem Frühstück und Gemeinschaftsküche war deshalb eine gute Entscheidung. Wir hatten außerdem einiges von zu Hause dabei und konnten uns mittags oder abends selbst etwas kochen.

Natürlich gibt es in Longyearbyen auch Restaurants und Cafés. Wer möchte, kann sich problemlos durch die örtliche Gastronomie probieren – sollte dafür aber ein entsprechend größeres Reisebudget einplanen.

  1. Spitzbergen steht schon lange auf meiner Wunschliste. Jetzt hat sich das wieder bestätigt. Danke fürs Mitnehmen.

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